Aus gegebenem Anlass hier ein paar Zeilen kurz nach Mitternacht Ortzeit:
Ein hochemotionaler Wahlabend liegt hinter uns. Nach einem Nachmittag in Downtown, beobachteten wir zunächst die letzten Minuten vor Schließung eines Wahllokals in Universitätsnähe – wo bis 5 vor 8 pm noch Wähler zur Wahlurne hechteten.
Anschließend kurz in einer überfüllten Kultkneipe im alten Stadtzentrum, die lStunden vor Mitternacht dann in einem überfüllten Off-Theater, einer Wahlparty der Demokraten. Überall war internationale Presse präsent. Von finnischen über asiatische, bis hin zu etlichen arabischen Sendern waren Reporter:innen vor Ort, standen vor ihren Kameras und Handys, texteten und filmten die Ereignisse, kommentierten erste Prognosen.
Zu dieser Stunde hat Amerika offenbar entschieden: Vier weitere Jahre Trump. Welche Konsequenzen dies in den nächsten Tagen, Wochen und für die weitere Entwicklung weltweit haben wird, kaum abzusehen. Wir befürchten: keine Guten.
Eines jedoch ist bereits jetzt deutlich: Dieser Wahlsieg Trumps basiert nicht auf einer mehrheitlichen Entscheidung aller Menschen dieses großen Landes für eine republikanischen Regierung. Er basiert auf der Mehrheit im Rahmen einer Wahlmännerregelung des hiesigen Zwei-Parteiensystems. Ein elector in Kalifornien beispielsweise vertritt fast doppelt so viele Wählerstimmen wie ein elector in Montana. Abgesehen von diesem Missverhältnis der zahlenbezogenen Repräsentanzen sind etwa nur zwei Drittel aller US Bürger wahlberechtigt. Deren tatsächliche Wahlbeteiligung wiederum lag 2020 bei nur 66,6 Prozent.
Morgen stehen Interviews zum Wahlergebnis an, das erste mit einem Pastor der Kirche gleich nebenan, die gestern als Wahllokal diente, vor dem sich schon ab 7 am lange Schlangen drängten. Vor ein paar Stunden noch herrschte hier Optimismus, waren sich die Menschen sicher, Harris könne die Wahl gewinnen.
Die Überzeugungen und sozialen Interessen dieser Menschen haben auch morgen, an einem normalen Mittwoch, immer noch Bestand. In welcher Form die Gesellschaft mit den sich abzeichnenden, vertiefenden Spaltungen umzugehen lernt, bleibt offen.
We keep you posted, auch weitere Bilder folgen morgen. Dieter and Diemut
Greyhound, das war schon in den siebziger Jahren der Inbegriff für cooles Reisen in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Heute unser erster Elchtest bezüglich dessen, was von dieser Legende noch übrig ist – zumal neben dem Greyhound-Logo nun das von Flixbus prangt. Wer hat wen übernommen? Der Ami-Traditionsladen den Deutschen Newcomer? Diemut gewinnt die Wette: Genau umgekehrt! Ob Trump das genehmigt hätte? Ist doch unamerikanisch, jetzt noch Greyhound zu fahren, oder? Unweit der nüchternen Abfahrtsstation für diese Langstreckenbusse befindet sich eine spektakuläre Halle, Teil der Penn Station von 1904, für die Dieter kurz vor unserer Abfahrt noch einen fotografischen Abstecher wagt. Sie ist Teil einer historischen Bahnhofshalle im Stile der Beaux-Arts Architecture und bietet ästhetisch den maximalen Kontrast zur zentralen Abfahrtstation des Busunternehmens ein paar Meter weiter.
Neben Diemut wartet ein junger Mann auf seine Verbindung nach Chicago. Er stammt aus Venezuela, ist eingewandert, nachdem er zuvor eine Zeit in Peru und Chile verbracht hat. Jetzt habe er einen Arbeitsvertrag für eine Abrissfirma unterschrieben und fährt zum Arbeitsantritt in eine Stadt, die er zuvor nie gesehen hätte. Er sei das Einzige von vier Kindern, welches jetzt das Land verlassen hat, um aus der Ferne Geld nach Hause zu schicken. Der Tageslohn in Venezuela, beträgt für vergleichbare Arbeit derzeit drei Dollar – nicht ansatzweise ausreichend, um zu leben, geschweige denn, um den alternden Eltern Arztbesuche zu ermöglichen. „Es geht nur nach vorn“, sagt er, „never back“. So auch ein Wahlslogan von Harris. Sein Englisch ist gut verständlich, er habe schon in der Schule begonnen, diese Weltsprache zu lernen. Wenig später gesellen sich weitere spanisch-sprachige Reisende zu uns, er wechselt in Windeseile in seine Muttersprache.
Mittlerweile ist unser Bus eingetroffen. Ein hagerer, entschiedener Fahrer kontrolliert Fahrkarten und Gepäck, gibt humorvolle Ansagen im Lautsprecher durch: Pause in Cleveland, Ohio, Umstieg für Reisende Richtung Detroit in Toledo. Klassenfahrtgefühle. Dieter setzt seinen Rucksack kurz auf einem Koffer ab. „Hey man – do you want to break my display? When you unpack your food, I’ll get the first bite. Or I’ll punish you! “ Wir lachen.
Die erste Etappe verläuft ruhig. Das Businterieur ist bis auf’s Skelett abgerockt, Sitzpolster verschlissen, aus den Armlehnen bröselt der Kunststoff. Es scheint, als würde der Konzern die letzten Dollar aus seinem müden Fuhrpark herauspressen. Entgegen unserer Vorstellung, wir würden jetzt durch eine weitläufige Felderwirtschaft reisen, reiht sich in den nächsten Stunden ein krüppeliges Waldstück an’s nächste, Flüsse führen wenig Wasser, viele Bäume sind blattlos und aschgrau. Ab und zu eine Kuh, ab und zu eine Farm, hier und da ein Maisfeld. Insgesamt keine Agrarwirtschaft im großen Stil. Dann ziehen gigantische Billboards vorbei, die für Neubausiedlungen werben. Ein paar hundert Meter weiter vereinzelt schon ein paar der neuen Häuser in bisher unerschlossenem Umfeld. Wir passieren die Grenze des Bundesstaates, nun geht es durch Ohio. Alles bekannte Namen, ohne die kleinste Vorstellung, was sich dahinter verbirgt. Wenig später Ankunft in Cleveland. Fahrerwechsel. Auch die Weiterreisenden müssen alle aussteigen, der Bus wird gesäubert, ein neues Gate wird für den Wiedereinstieg angegeben.
Die Wartehalle von Cleveland entspricht noch perfekt meinen früheren, kindlichen Vorstellungen der Marke Greyhound: Wir kommen in einen Bau der späten Sechziger, zwischenzeitlich wohl stillgelegt und nun improvisiert wieder zum Leben erweckt. Aber nicht saniert. Hier und da fällt Farbe von der Decke. Schriftzüge an den Wänden sprechen von besseren Zeiten, von mehr Bewirtung und Infrastruktur während der Wartezeiten. Von klaren Vorstellungen der “ Damen und Herren“, die seinerzeit zu reisen pflegten. Jetzt sitzen nur wenige Gäste in der Halle, müde über ihre Handys gebeugt, die Abfahrt hat sich mittlerweile um über 1 Stunde verzögert. Am Gate wartet ergeben eine Gruppe Mitreisender, die auf unsere Frage nach Ursachen der Verspätung schüchtern mit den Achseln zucken. Wir gehen aus dem Gebäude heraus und suchen den Bus, er kann ja nicht verschwunden sein. Vor dem Fahrzeug steht nun ein schwergewichtiger Fahrer, der einen agilen Kontrolleur der Company verfolgt, wie dieser das Fahrzeug umrundet, abwechselnd auf Reifen klopft, alle Klappen behende öffnet und schließt, Funktionen testet und im Stakkato dem Fahrer alles erklärt – ein offensichtlicher Neuling, der gerade angelernt wird und sich den Schweiß von der Stirn wischt.
Wir fragen, der Kontrolleur hält inne. Es gibt zwar noch was zu tun, aber OK, wir können unsere Plätze schon mal einzunehmen. „We‘ll start soon“. Da wir in den vorderen Reihen sitzen, verfolgen wir nun aus nächster Nähe, wie der Fahrer an seinem Platz eingewiesen wird. Leider passt er kaum zwischen Steuerrad und Sitz. Er meint zwar „passt schon“, der Kontrolleur aber widerspricht entschieden. Er solle seinen Sitz doch vernünftig einstellen. Der Fahrer findet nicht die entsprechenden Knöpfe. Der Kontrolleur kontert, diese Knöpfe seien gar nicht mit der Hand zu bedienen, sondern mit dem Fuß! Der Fahrer quält sich ein weiteres Mal hervor, tupft die schweißnasse Stirn, während der Kontrolleur mit sicheren Handgriffen und einem zusätzlichen Schaumgummikissen den Platz für den fülligen Fahrer herrichtet. Nach weiteren zwanzig Minuten steigen auch die geduldigeren Fahrgäste an Bord. Der Kontrolleur, zieht seine Jacke aus und legt sie auf den Vordersitz. Es scheint als würde er die Tour begleiten, wir Zeugen einer nächtlichen Fahrstunde Richtung Westen. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Zunächst sollten wir doch erst einmal losfahren. Auf den ersten zehn Metern Parkplatz setzt der Fahrer den Bus hart gegen eine größere Betonkante. Jetzt verliert auch der Kontrolleur etwas die Geduld. Wieder zurück auf Start, aussteigen, die betroffenen Wagenteile kontrollieren. Aufatmen, als sich endlich die Schranke des Parkplatzes hebt. Wir bangen nun um unseren Anschluss.
Während der folgenden Fahrt glätten sich miles after miles die Wogen, mischen sich diffus die Obertöne der weiblichen Stimme aus dem Navi mit zunehmend entspannterem Bass zwischen Schüler und Lehrer, draußen gleiten die Lichter des Highways. Zeit endlich etwas auszuruhen.
Toledo, umsteigen. Wir haben sogar gut aufgeholt und Zeit für eine Stärkung. Unser Busfahrer verlässt als einer der ersten die Theke des Subway, den Arm voll mehrere Tüten belegter Baguettes und einem Softdrink der Größenordnung, wie sie bei uns nicht mal in Kinoketten ausgeschenkt werden. Die Übergewichtigkeit vieler Amerikaner:innen lässt sich beim besten Willen nicht wegsehen. Lebensmittel zu erwerben, die noch nicht durch eine unübersichtliche Maschinerie bis zur Unkenntlichkeit weiterverarbeitet sind, das setzt Bildung, ein höheres Einkommen, Zeit sowie Kochkenntnisse voraus. Etwas wozu die die Mehrzahl der Menschen hier im Land keinen Zugang hat. Und im vorherrschenden Angebot der Supermärkte sind „gesunde“ Lebensmittel selten bis gar nicht erhältlich.
Der Rest der Fahrt gleicht einer Nachtlinie im Ruhrgebiet. Rüdere Töne, Pöbeleien am Eintritt, der Fahrer verweigert einer Frau die Weiterfahrt, die offensichtlich über keinen gültigen Fahrschein verfügt. Im Losfahren steuert er seiner Sorge über mögliche schlechte Bewertungen der Fahrt mit einem Statement über den Lautsprecher entgegen. „Sie haben das alles ja hier gerade mitbekommen, die Beschimpfungen…“ Die Luft ist geschwängert von Erschöpfung mit einer Würze Verwahrlosung.
Detroit. Der Bus lässt uns hinaus und nimmt seine Fahrt nach Chicago auf. In der Wartehalle steht ein halbnackter Mann, er wechselt gerade seine Hose. Die ausgezogene liegt voller Kotze auf dem Wartesitz neben ihm. Vor ihm steht eine offene Kühlbox, sie seine Essensvorräte beherbergt. Neben ihm Schlafende, es ist nicht ersichtlich, ob sie sich wegen einer Busfahrt hier aufhalten, oder die Wartehalle ihre gewohnte nächtliche Herberge ist.
Das Taxi fährt los, ohne das Taxometer zu aktivieren. Dieter fragt nach. Der Fahrer erklärt uns etwas von Flatrate, von Detroiter Preisen und das die Fahrt mit offiziellem Zähler deutlich teurer würde. Die Fahrt indessen dauert fünf Minuten. 30 Dollar, er wedelt mit seinem Handy, auf dem er die Ziffer 47 aufgerufen hat. Das wäre der eigentliche Tarif. Wir geben auf. Don’t cry over spilled milk. Unsere Wohnung liegt in einer Art Hochsicherheitstrakt mit drei durch Handauflegung zu aktivierenden Zahlenkombinationsschlössern. Das offensichtlich historische Haus ist umgeben von breiten Ausfallstraßen, ausladenden Parkingslots. In der Ferne überragen Fabrikpaläste des frühen letzten Jahrhunderts die ansonsten flachen und in die Breite verstreuten Neubauten. Wir ahnen, was es heißt: Autostadt Detroit.
Im dritten Stock eines mit Marmor ausgetäfelten Treppenhauses, typisch für Hochhäuser der 1950er Jahre in Downtown, geht es zur Zentrale einer der hiesigen Gewerkschaften: SEIU. Natalie? Just a moment. Die Frau an der Rezeption lässt uns eine Weile allein. Genug Zeit, eine Schokolade aus dem Halloween-Körbchen zu nehmen und die vielen Tafeln im Entree zu studieren. Aufrufe, historische Errungenschaften der Unity’s sind hier zu sehen. Bemerkenswert, dass gerade im Kontext sozial engagierter Organisationen die sonst so bildmächtige, visuelle Sprache von Kunst und Werbung allzu häufig harmlos-naiven Bildmotiven weicht. Was auch mit dem Problem zu tun hat, dass sich bildende Künstler:innen mit anatomischer Darstellung von Menschen häufig schwertun – Menschen für soziale Themen aber zentral sein sollten … . Die gemalten Plakate muten an wie aus den 1970er Jahren entlehnt, einen Hauch gestrig.
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Natalie begrüßt uns herzlich, es ist ihr anzumerken, mächtig unter Strom zu stehen. Ein angeregtes Gespräch unter den schon startbereiten Kolleg:innen erfüllt den Raum mit Gemurmel. Rund zwanzig Menschen werden für diese Tour von Tür zu Tür heute dabei sein. An der Wand zeigen zwei große Screens Nummern der jeweiligen Bezirke und die zugeordneten Zweiergruppen.
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„Steve und Marla, these are your guides for today” stellt Natalie uns die beiden vor. “They both are the most experienced in canvassing”. Steves entschiedene, konkrete Einweisungen, Marlas humorvolle und warmherzige Offenheit machen uns den Einstieg leicht, sie nehmen unser Interesse als Wertschätzung ihres Engagements auf. Formsicher führt uns Steve in die versammelte Gruppe ein und bittet seine Kolleg:innen, sich ihrerseits vorzustellen. Das Mikrophon kreist: Einige schon seit über 20 Jahren gewerkschaftlich aktiv, die meisten zwischen fünf und 15 Jahren; knappe Einblicke in Erfahrungen beim „knocking on doors“, einige sind schon seit Monaten, andere einige Wochen dabei; viele der Statements von Emotionen getragen. „Motivation“ wäre ein zu schwaches Wort für ihr zeitaufwändiges, nicht immer gefahrloses Engagement. Der Aufbruch in die verbleibenden Stadtteile ist eine wahrhaftige Herzensangelegenheit, getragen vom brennenden Wunsch, in diesen letzten Tagen vor der Wahl das „Schlimmste zu verhindern“, komme was wolle. Canvassing kann beginnen. – Mehr zur politischen Idee und zum konkreten Vorgehen beim Canvassing unter dem folgenden Link. Das Video vermittelt auch Einblicke in den sozial-politischen, lokalen Kontext der früheren Stahl- und Bergarbeiterstadt Pittsburgh.
Das verfügbare Datenvolumen unserer Handys ist endgültig aufgebraucht, ohne jede Internetunterstützung sind wir nun auf menschliche Hilfe angewiesen, um zurück zu unserer Wohnung zu gelangen. Eine junge, dynamische Frau hilft uns weiter, auf deutsch. Sie studiere hier an einer der Universitäten Management, ursprünglich hätte die Liebe zum Sport sie in die USA verschlagen. Zielsicher nennt sie uns einen Mobileladen um die Ecke, wo sie ihrer Mutter für deren Besuch auch eine amerikanische Karte hat einrichten lassen. „No problem“ nuschelt die einsam hinterm Tresen sitzende Angestellte und schluckt den letzten Bissen ihres improvisierten lunch hinunter. Während Dieter sich beraten lässt, stürzt eine beleibte Frau ins Geschäft: „7 Day’s left guys“, ruft sie in die Runde und lässt sich auf einen der Hocker fallen. „May I charge my phone, Madam?“ Sie trägt eine magentafarbene Weste und ist ebenfalls in Sachen Canvassing unterwegs. Mit dieser Farbe würden jene gekennzeichnet, die ausschließlich für Mobilisierung und Unterstützung bei der Registrierung unterwegs sind. Dabei darf keine der Parteien genannt oder gar beworben werden. Busladungen von Menschen aus Michigan seien für diesen Job nach Pittsburgh gekarrt worden. Reise und Hotel würden bezahlt, viel Geld in die Hand genommen, much money. Nur, um die Menschen zur Wahlurne zu bewegen. Ob sie bereits gewählt habe? Sie hätte vor ihrem Umzug nach Kalifornien bewusst ihre Ummeldung dorthin verzögert, um nicht in eine administrative Lücke zu geraten, in der ihre Stimme dann womöglich verfallen wäre. Am 5. stehe sie schon um 6 am vom Wahllokal, anschließend sei sie mit ihrer Tochter weg, ab in den Westen.
Heute ist die Ruhe vor dem Sturm. Für Morgen haben wir die Bestätigung bekommen, uns an der Seite von GewerkschafterInnen an einem Canvassing-Einsatz beteiligen zu können. Also höchste Zeit, heute alles für unsere anschließende Weiterfahrt nach Detroit zu regeln. Reise, Unterkunft, weitere Termine, Einkäufe für die Fahrt. Vor dem Supermarkt steht in der Dämmerung ein Duo mit einem Pappkarton in den Händen. Darin die neueste Ausgabe der Zeitschrift „The Communist “ Von Weitem erinnern sie – in Zivilkleidung und damit im Kontrast zu den poppig uniformierten Westen der offiziellen Wahlkampagnen – an unsere Erwachet! Verkäufer am Bahnhof. Die beiden sprechen alle Kunden, die hinaus- oder hineingehen persönlich an. Ihr Appell lautet, keine der beiden Parteien zu wählen, Stimmzettel ungültig machen! Jeff, Vollbart, längere Haare, also Stereotyp des Berufsrevolutionärs, argumentiert wie mit internalisierten Zitaten aus dem „Kapital“. Ob ich eine Zeitung kaufen möchte, 5 Dollar. Leider kein Wechselgeld. Ich verspreche, nach dem Einkauf mit den passenden Scheinen zurückzukommen und lege das schmale Blättchen zurück in den Pappkarton. War das jetzt einer der Kommunisten, vor denen Trump seine Wähler warnt?
Im Supermarkt bin ich mit meiner Einkaufsliste verloren. Im Regal steht 3 Meter Ware mit dem Vermerk „Oat“ auf der Packung, aber schlichte Haferflocken – ohne Candy, Cinamon oder gar einer Aufbereitung als Backmischung – sind einfach nicht zu haben. Ein älterer zahnloser Mann mit dicht tätowierten Armen faltet in der Nähe Pappkartons zusammen. Er arbeitet hier auch nach der Verrentung täglich weiter, es mache ja keinen Sinn zuhause Däumchen zu drehen. Außerdem, bei der königlichen Bezahlung hier … Er lacht laut und führt mich wie ein Scout zu Küchenmesser, Feuerzeug, Rosinen und anderen relativ unaufgeregten Produkten, die zu finden mich hier Stunden gekostet hätte. Nein, wählen ginge er nicht. Die da oben würden sich eh nicht für Menschen wie ihn interessieren oder gar ins Zeug legen. Er hätte bis unten nach Texas in vielen Staaten der USA gearbeitet, aber über den „big ocean“ hätte er es nie geschafft. Zuviel Angst vor dem Wasser. In Amerika würde man sich bis heute an das Schicksal der Titanic erinnern und: in ein Flugzeug steigen, no way. Aber weiter davon träumen, das täte er schon. Gestern, erzählt er mir begeistert, gestern hätte er sich zwischen den Regalen bereits mit einem Australier unterhalten. Und heute Germany. Fast ein „run“. Er ist sehr zufrieden, verabschiedet sich überschwänglich. An der Kasse herrscht Stress, die Verkäuferin ist nicht an ihrem Platz, wird mehrfach ausgerufen. Auf meine Beschwichtigung „no stress“ hin faucht die Vorarbeiterin, den Stress den würde sie bekommen, da sie für die Reibungslosigkeit der Kassen verantwortlich gemacht würde, und die Abwesende wäre unglücklicherweise „ihre“ Kassiererin. Wütend schwenkt sie sich selber hinter die Kasse und knallt die Summen in die Tasten. Der Druck von oben fährt selbst mir in die Knochen. Ob hier wohl Kameras installiert sind? Die Kommunisten vor der Tür sind mittlerweile verschwunden. Der Verkäufer hat mir für den Kauf von Bier eine Eckkneipe empfohlen. Bei meinem Eintritt flimmert auf vier ausladenden Großbildschirmen gleichzeitig die Simultanübertragung eines Baseballspiels. Die breiten, ineinander verkeilten Schultern erhellen flackernd mit ihren schneeweißen Shirts den ansonsten schummrigen Raum. Am Tresen sitzen nur vereinzelt Männer, hinter der Theke hantiert eine hagere Frau Mitte dreißig mit leeren Flaschen. Ich frage nach hiesigen Biersorten, sie ertastet anhand der ihr geläufigen Importprodukte meine Geschmacksrichtung. Heinicken? Stella? Becks? OK, I’ve got an idea for you. Sie packt ein ortstypisches Sixpack aus sechs Sorten, derweil plaudere ich mit dem jungen Mann neben mir. Er hat seinen Wahlzettel bereits abgegeben. Jetzt vermeidet er konsequent jede Form von Nachrichten. Man kann eh nichts ändern. Angst aber macht das alles dennoch. Have a nice Evening. You too. Die Temperaturen auf dem Heimweg gleichen denen eines Augustabends. Grillen zirpen. In der Ferne glitzert Downtown.
Heute nehmen wir uns Zeit für Organisation und Aufarbeitung. Zumindest am Abend muss etwas Warmes her, unsere Bleibe hat keine Küche. Die Fox-Pizza-Filiale um die Ecke bietet Pizzas bis zum XXL-Format.
Die Wände sind dekoriert mit Danksagungen von Baseballmannschaften an den Sponsoren: Fox Pizza subventioniert den Sport, auf den diese Stadt ganz besonders stolz ist. Es gibt kaum Laufkundschaft, dennoch herrscht große Geschäftigkeit. Der Großteil wird online bestellt. Beim Kassieren des Kunden vor uns entdecken wir auf dem Tresen eine ungewöhnliche, überdimensionierte Spardose mit der Aufschrift:
YOUR TIPS help keep us from a life in CRIME.
Die Zahlung des Kunden geht nicht vollständig in die Kasse. Vielmehr zweigt der Pizzabäcker einen Teil des Zahlbetrags ab, und steckt ihn als „Tip“ in den handgeschnitzten Schlitz der Plastikdose. Falls der Kunde selbst ein Trinkgeld gibt, wirft er es zusätzlich in die Dose. Auf die Frage, was es mit diesen, aus dem regulären Umsatz generierten „Eigenspenden“ auf sich habe, berichtet er: Am Ende des Arbeitstags würde der Inhalt der Spardose unter den Angestellten geteilt.
Wie ist das zu verstehen? Was immer das Kalkül des Arbeitgebers sein mag: Faktisch sorgt er zum einen dafür, dass der (wahrscheinlich geringe) reguläre Lohn aufgebessert wird, jedoch, und das ist der Kniff, quasi außertariflich, also ohne vertraglich gesichert zu sein. Zweitens ist dieser Zuverdienst an den Umsatz gekoppelt, an schlechteren Tagen ist automatisch auch der „Tip“ schlechter. Und drittens erhöht sich damit für die Angestellten eine psychologische Barriere gegenüber eventuellen Versuchungen, sich ab und an individuell selbst an der Kasse zu bedienen. Oder besser gesagt: Das Arrangement soll gemäß der Auschrift auf der Dose helfen, die Pizzabäcker vor einem Abstieg in die Kriminalität zu bewahren.
Dieter checkt morgens seine E-Mails. Immer noch keine Reaktion von den angeschriebenen Organisationen. Einerseits häufen sich die aufzuarbeitenden Eindrücke der letzten Tage. Andererseits kommt uns ein Tag ohne weitere Interviews und Begegnungen vor wie ein verlorener Tag. Die Zeit drängt. Dieter studiert die aktuellen Veranstaltungstermine der DSA Pittsburgh. Vielleicht sollten wir einfach hingehen, um vor Ort ins Gespräch zu kommen. Für Nachmittag ist eine Filmvorführung in der „Community Forge“ angekündigt, einer Schmiede für Gemeinschaft. Klingt vielversprechend.
Aber ein langer Weg, wir müssen unmittelbar aufbrechen, kein Einkauf, kein Lunch. Eine gute Stunde fährt uns der Bus mit unzähligen Stopps durch verschiedenste Vororte Pittsburghs. Zunächst werden die Häuser auf der Strecke immer kleiner, stehen gedrängter, wirken zum Teil heruntergekommen. Je höher sich der Bus in Serpentinen auf die Berge hinaufschraubt, desto großzügiger und wohlhabender aber wird die Bebauung. Weitläufige Grundstücke und Grünanlagen. Hier steht in fast jedem zweiten Vorgarten selbstbewusst eines der typischen blauen Wahlschilder. Harris/Walz. Manchmal sind die Wegestrecken sogar lückenlos.
Eine klassische Nadel der Jahrhundertwendebauten ragt in den blauen Himmel. Zitate gotischer Bauelemente vermitteln dem damaligen wirtschaftlichen Aufstieg fast religionsähnliche Züge.
Beim Aussteigen Orientieren wir uns an der zweiten Namenshälfte der angegebenen Station – offensichtlich falsch. Der Bus fährt weiter und lässt uns inmitten einer verlassen wirkenden Gegend zurück. Hier soll die angegebene Veranstaltung stattfinden? Ein Restkontingent mobiler Daten zeigt im Handy an, dass wir richtig sind. Rechts und links stehen verlassene Häuser.Was am Anfang nur skurril wirkt, entpuppt sich als dramatischer, ortsübergreifender Leerstand. In manchen der Straßen ist fast jedes zweite Haus verfallen, auf den Veranden stehen noch die Reste, die auf einstige Bewohner verweisen: verlassene Plastikstühle, verrostete Grill, abgebaute Satellitenschüsseln. Teils sind die Vordächer schon elegisch zusammengesackt, zerschlagene Scheiben, in den Vorgärten verrottet der Müll.
In diesem Viertel leben offensichtlich größtenteils Black People. Hier und da sitzen sie in Gruppen auf den Veranden zusammen, und verfolgen genau, was wir fotografieren. Grasschwaden liegen in der Luft. Manche grüßen lautstark über die Straße. „How are you doing, man?“ We are fine … Aber lieber nicht stehen bleiben, die Atmosphäre ist schwer zu greifen. Vor einem der noch bewohnten Häuser sitzen zwei Männer bei Hotdog und Bier auf der Veranda. Hier wird die uns zugerufene Frage schon konkreter: „Are you Investors?“ Auf diese dezente Provokation hin halten wir einen Moment inne. Beide erheben sich intuitiv von ihren Stühlen, kommen näher. Eine emotionale Unterhaltung beginnt. Leatherface, Mitte 50, mit leicht glasigem Blick, sichtlich angetrunken, ist hinsichtlich der Wahl deutlich pessimistischer als sein Freund. Zwar gingen diesmal mehr Leute wählen als je zuvor, aber ernsthaft: welchem der Politiker könne man denn heute noch trauen? None of them. Insbesondere nicht den Jungen, weil sie keine Achtung vor den älteren Menschen, selber kaum nennenswerte Lebenserfahrung haben. Um ein Land gut zu regieren, dafür müsse man den Vätern und den Großvätern zuhören. Lernen, was deren Herausforderungen einst waren und wie sie es gemeistert haben. Stattdessen herrsche heute Korruption, Arroganz und Geld. Warum die Häuser alle leer stehen? Die Menschen ziehen weg, sie sind alt, sterben, die Gegend wird zu teuer, die Häuser verkauft. Wahrscheinlich werden die meisten von ihnen abgerissen werden neue, wesentlich teurere gebaut. Alles am Ort der Kindheit, der Familiengeschichte ist dabei, sich massiv zu verändern. Unaufhaltsam. „Noch bleiben wir hier“ sagt der andere und deutet auf das Haus der gegenüberliegende Straßenseite. „Dort in dem Haus bin ich großgeworden. Seht ihr, aus dem Fenster schaut mein Vater. (Er winkt.) Sicher fragt er sich, mit wem wir hier sprechen (lacht). Ich konnte damals mein Haus hier erwerben, nur weil es auch schon eine gute Weile leer stand. Wie lange wir noch hierbleiben können, ist sehr fraglich“.
Wir fragen die beiden, was wohl passiert, wenn Trump die Wahl gewinnt. „There will be war, civil war“ platzt es heraus. „Trump hetzt die Weißen gegen uns Schwarze auf, und das, obwohl es jetzt schon sehr, sehr schwer für uns ist. „You have really no idea, how hard live is for us, for black people“.
Sie kommen auf uns zu sprechen, und wie es scheint, hat fast jeder, mit dem wir uns unterhalten, irgendeinen persönlichen Bezug zu Deutschland. Hier ist es eine Beziehungsgeschichte: Drei Jahre wären sie ein Paar gewesen, er und die Deutsche. Weder davor noch danach hätte er so eine Frau gehabt. Eine, die ihn gefragt hätte, was er braucht, gemacht hätte, was er sagt und mit der man jeden Tag Sex haben konnte. Sie seien heute noch gute Freunde. Das hast du mir nie erzählt, sagt Leatherface fast empört zu seinem Freund. Du hast ja auch nie gefragt, sagt dieser. Wir schmunzeln innerlich, tja, die Macho-Nachos im letzten Kiosk. Für das Abschiedsfoto werden schnell der Hotdog weggelegt und die Hände abgewischt. Bye bye, take care!
(Foto der beiden)
An der Ecke einer großen befahrenen Straße liegt ein Gebäude, früher offensichtlich eine Schule, heute die „Community Forge“. Über den Haupteingang betritt man einen großen Raum, vormals eine Art Aula. Die darüber liegenden Etagen, einst über Geländer offen mit dem Hauptraum verbunden, sind nun durch Verschalungen abgetrennt, was eine eigentümliche Raumwirkung erzeugt.
Im Halbdunkeln der Halle sitzt eine versprengte Gruppe auf zusammengerückten Sitzmodulen. Auf dem Screen läuft ein Horrorfilm, ähnlich dem legendären „Blairwitch Project “ von 1999. Ist das eines der Sozialprojekte der DSA? Wie auch immer, eine bemerkenswerte Konkurrenz zwischen Halloween und der laufenden Wahl.
When does the film end? 30 minutes? OK. Uns bleibt wenig Zeit etwas Essbares zu besorgen. Die Pizzeria um die Ecke erweist sich jedenfalls als Herausforderung. Statt einfach am Tresen zu bestellen, muss man hier im komplexen Menü eines kleinen Screens alle gewünschten Zutaten einzeln antippen und hinzufügen. Welchen Belag? Mit Käse, ohne Käse? Scharf, mittelscharf? Welche Größe? welche Saucen? Eventuell noch ein Getränk? Welches? Welche Größe? … Ein freundlicher Mitarbeiter hinter der Theke versucht, uns zu unterstützen, der digitalen Version Herr zu werden. Am Ende druckt der Apparat einen ausdifferenzierten penny-genauen Kassenbon der gewählten 14 Posten. Erst nachdem wir diesen an der Kasse beglichen haben, startet die Zubereitung. Die 30 Minuten sind fast um. Mit der Tüte in der Hand laufen wir zurück zur Forge und erwischen noch jemanden von der DSA auf dem Weg zu seinem Auto. Unser Ansprechpartner ist bereits weg, auch in Eile. Tomorrow I’ve to be at a conference in Washington. Nein, ein email von Dieter hätte er nie erhalten, no access to the account. Ein hohes Tier der Organisation sei er nicht, erläutert er entschuldigend. Die Freundin drängt, „sorry“ und schon sind sie weg.
Die Halle steht noch offen, eine Abendveranstaltung wird vorbereitet. Einer staubsaugt, Möbel werden zurückgeschoben. Scheinwerfercheck. Auf einem der Sofas sitzt ein junger Mann, offensichtlich einer der Protagonisten der kommenden Show, um den Hals eine rote Federboa.
Diemut: Kann ich dir eine Frage stellen, rein aus Neugier. Wir kommen aus Deutschland und sind interessiert an der Wahl in den USA. Was fühlst du diesbezüglich?
„Its a mess“
Diemut: Was wird deiner Meinung nach dem 5. November geschehen?
„Ich weiß es nicht. Ich hoffe, die Menschen wachen auf, um zu realisieren, dass dieses Zwei- Parteien-System überholt ist. Dass wir dringend ein neues Wahlsystem benötigen. Aber ich befürchte, das wird nicht passieren. Ignoranz herrscht auf beiden Seiten. Anstatt zusammen zu kommen driften sie immer mehr auseinander. Ich sehe keinerlei Vorteile in diesen Prozessen, keinerlei positive Entwicklung. Für gar keinen. Diese Wahl fühlt sich irgendwie irreal an. Es gibt eine seltsame Energie dahinter, die ist verstörend.“
Diemut: Ist diese Wahl anders als die vorherigen Wahlen?
„Ja, definitiv. Ich kann noch nicht ganz greifen, was jetzt vorgeht, aber sie ist wirklich sehr anders“.
Diemut: Und hier in Pittsburgh, in einem der wichtigeren Swing States: Nehmen die Leute, bewusst wahr, wie wichtig ihre Stimme für den Ausgang dieser Wahl ist? Gehen Sie bewusster wählen?
„Es gab große Werbeaktionen für Stimmen hier in Pittsburgh, in ganz Pennsylvania. Sogar Musk ist hier vorbeigekommen. Kamala war hier. Da wir einer der Swing States sind, ist es offensichtlich, wie sie versuchen, uns zu überzeugen. Die so richtig gelingt Ihnen das nicht, aber alle erzählen uns, was sie tun werden. Und das nur, um unsere Stimme zu gewinnen. Und es fühlt sich an wie: ‚Ja, wir nehmen war, dass Ihr hier zu uns kommt, aber wir glauben euch nicht. Wir wissen, warum ihr hier seid. Einfach nur, um zu gewinnen.‘
Das ist sehr verstörend. A weired energy. Und das für beide Seiten. Ich glaube, Amerika kommt zu einem Punkt, wo neue Generationen anfangen, wählen zu gehen. Ich glaube, wir beginnen zu realisieren, dass dieses Wahlsystem schon lange ein Auslaufmodell ist. Und wir müssen dringend etwas Neues entwickeln. So funktioniert es nicht mehr.“
Dieter: Was wäre eine bessere Lösung?
„Ich weiß es nicht, das ist eine gute Frage, und ich bin nicht sicher was die Antwort darauf ist. Ich denke einfach nur, dass beide Seiten korrumpiert sind und uns betäuben wollen. Sie wollen die Dinge nach ihren Interessen ausrichten, die Republikaner ebenso wie die Demokraten.
Es ist schwer, in dieser Gemengelage wählen zu gehen, aber ich werde wählen gehen.“
Diemut: Hast du bereits deine Stimme abgegeben oder wirst du an dem Wahltag selbst wählen gehen?
„Ich werde am fünften wählen. Ich gehe immer persönlich dorthin.“
Diemut: Wie wirst du danach die Wahl verfolgen, wirst du dich mit Freunden treffen oder vor dem Fernseher sitzen? Glaubst du, dass das Wahlergebnis recht bald sichtbar werden wird?
„Ich weiß nicht, angesichts der Angriffe auf Trump und ähnlichen Vorfällen ist diese eine wirklich andere Wahl. Ich hoffe, dass sie an dem Tag schon Ergebnisse präsentieren können und sie nicht zu weit hinausschieben. Die Amerikaner sind sehr aufbrausend und ich glaube, wenn sich die Ergebnisse verzögern .… Die Menschen warten, sie wollen die Entwicklungen umgehend in Tweet diskutieren … Diese Wahl mach alle im Land sehr ängstlich. (Wird von einem Mitarbeiter angesprochen) Sorry, ich muss jetzt los. Wir haben hier gleich eine Performance.
Wir: Klar, vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken und viel Erfolg heute Abend!
Auf dem Rückweg nehmen wir andere Busverbindungen, und brauchen nur halb so lang zum Appartment. Aber oft sind es gerade die Umwege, die Überraschendes mit sich bringen.
Von wegen zwei Tage … Der Einkauf wird Teil unserer heutigen Reiseverpflegung, denn um 7:00 erreicht uns die Nachricht: nachfolgende Gäste in der Wohnung, heute. Uns bleiben wenige Stunden, um das neue Reiseziel festzulegen, Flug und Unterkunft zu buchen, zu packen und abzureisen. Wohin? Aus Pennsylvania ist auf Dieters Interview-Anfragen bisher keine Antwort erfolgt. Dennoch fällt aufgrund anschließender Planungen für Detroit und mit Blick auf die zu überwindenden Distanzen schlussendlich die Wahl auf: Pittsburgh.
Pennsylvania wird also unser erster Swing State. Das nun betretene battle field der unübersichtlichen Buchungsmenüs, zu erstellenden Passwörter, zu bestätigenden Zahlencodes und stockender Kreditkartenverifizierungen frisst Stunde um Stunde. Knapp vor Ankunft der Nachfolger verlassen wir das Haus. In der Subway herrscht ein wenig Verwirrung, Baustellen ändern die Fahrtrouten über Nacht, und die Linie A hat je nach Takt andere Endhaltestellen, Zwei ohnehin unterbeschäftigt wirkende Police Officers nehmen sich unser an. Uns in den richtigen Zug zu setzen, ist ihr nächstes Tagesziel. Der eine berichtet, er sei aus Bangladesch hier nach NYC gekommen, vor etlichen Jahren. Gewöhnen könne er sich nicht an diese Hektik, den Lärm: „New York is crazy“, aus seinem Mund klingt das nicht gerade wie ein Kompliment.
JFK. Die Sicherheitsvorkehrungen im Inland übertreffen jene der Einreise aus fernen Ländern bei weitem. Hier müssen sogar die Schuhe aus, Obst wandert auf Extraschalen durch das Röntgenband. Dabei scheint es bei Inlandflügen, als steige man in einen klapprigen Linienbus. Tische haken, Sitze sind abgewetzt, kein Unterhaltungsprogramm, ein müdes Getränk, ein Tütchen „Prezeln“, anschnallen, und wenig später befinden wir uns im Landeanflug.
Wie weiter? Die App zeigt uns auf den letzten Metern unseres Datenvolumens einen Bus an. Mit dem es dann zunächst Richtung Downtown geht. Im bleichen Licht der Haltestelle sitzt auf der Wartebank eine ältere Frau, neben sich ein paar Krücken, an die sie ihre Einkäufe gezurrt hat. Auf die Frage, ob unsere Linie denn auch von hier starte, überrascht sie uns mit einer Pracht-Ode auf den öffentlichen Verkehr der Stadt: Das Bussystem in Pittsburgh wäre unschlagbar. Sie nutze es seit ihrem vierten Lebensjahr. Ausgebaut bis in die letzten Winkel der Stadt. Dann behindertengerechte Gestaltung der Fahrzeuge: Neigehydraulik, ausfahrbare Rampen, umklappbare Sitze, Sicherheitsgurte für Rollstuhlfahrer, Plätze für Menschen mit Krücken – alles den Bedarfen der zugestiegenen Fahrgäste anzupassen. Und nicht nur das: Als Nächstes hätte man sich die Displays vorgenommen. Nun könne man den Streckenverlauf studieren, um sich auf das Aussteigen vorzubereiten. Hinzu komme eine Hotline der Stadt, an deren Leitungen alle Fragen zu Fahrplänen, Umsteigemöglichkeiten und Verbindungskonzeptionen freundlich beantwortet werden. Und das von echten Menschen. Sie zeigt uns eine App mit jeder Menge bunt gestalteter Klötzchen. Diese benutzt hier fast jeder. Um ihren Hals hängt eine laminierte Karte, mit der sie begeistert herumwedelt. Für 2,75 könne man damit ganze drei Stunden in alle Busse der Stadt ganz ohne Bedenken einsteigen. 3 volle Stunden – und das in alle Richtungen! In Supermärkten und an den Automaten seien diese aufladbaren Rohlinge umstandslos erhältlich. Im Bus bar zu zahlen, das ginge nur passend, Wechselgeld wird einbehalten.
Wir kommen auf die Wahl, ein guter Moment. Das wirkt wie der Anstich in ein Fass. Ihre beste Kindergartenfreundin sei Trumpwählerin. Ausgerechnet. Auch wenn sie persönlich so manches Statement von Trump überzeugen könne – ganz ehrlich – irgendetwas stimme mit diesem Mann doch nicht! Er rede zu viel Unsinn daher, und dabei ginge es doch um Vertrauen, nicht mehr und nicht weniger. Das Geld hätte das Ruder über die gesamte Politik übernommen und: „You don’t slaughter your cattles, don‘t you?“ Typen wie Trump aber nutzten die Menschen aus zur persönlichen Bereicherung. „If you take care of the cent, the dollar will take care of you”. Noch im Ausstieg ruft sie uns zu: “It is all about trust!”
In Downtown spuckt uns der Bus aus. Die Kulisse der Skyscraper ähnelt der von New York, und, wenn auch ein paar dutzend Stockwerke niedriger, immer noch gigantisch genug, um uns Europäer zu beeindrucken. Die kargen Grüppchen auf städtischen Stufen zwischen den glatten Fassaden geschlossener Banken, Warenhäusern und Bürogebäuden, wo sie sich plaudernd aufhalten, haben um diese Uhrzeit wiederum etwas Kleinstädtisches, fast Dörfliches an sich.
Unser Internetzugang ist nun blockiert, das Roamingkontingent endgültig überzogen. Ein junger Mann im Kochdress raucht vor der Tür. Dustin, stellt er sich vor, wie Dustin Hoffman nur nicht so klein. Dustin googelt uns in Windeseile die erforderlichen Busverbindungen. Als wir Fotos von seinem Handyscreen machen, begreift er erst unsere Lage. „If I were you I already would have had a nervous breakdown” kommentiert er mitfühlend wie fassungslos unsere Weblosigkeit. “If you come in this restaurant to eat” ruft er uns hinterher, “just ask for Dustin”. Die Busfahrt führt uns über Hügel und Hügel. Die Topografie von Pittsburgh erinnert an Wuppertal oder Stuttgart: steile Straßenzüge geben hier immer wieder erneut überraschende Ausblicke auf weitere Viertel frei. Ab und zu erheischt man zwischen Bebauungslücken den Blick auf die imposante Skyline. Unten vor Downtown spannen sich weite Stahlbrücken über die legendären zwei Flüsse, deren zusammenströmenden Wasserwege im Zusammenspiel mit den kohlereichen Minen der Stadt in Zeiten der boomenden Stahlindustrie alle Voraussetzungen für eine prosperierende Wirtschaft schenkten. Diese Zeiten sind lang vorbei. Von der Endhaltestelle aus rumpeln unsere Rollkoffer durch die stillen Straßen einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Ein hölzernes Häuschen nach dem anderen reiht sich hier aneinander, unsere Herberge ist eines davon. Mit der Taschenlampe machen wir uns an eine weitere Zahlenkombination, um ins Hauses zu gelangen. Gab es in NY noch Schlüssel, so basiert hier alles auf einer routinierten Bewegungsabfolge aus tippen, warten, drehen, ziehen oder drücken. Ist man dabei nicht schnell genug, blinkt das jeweilige Display abweisend und fällt zurück in unbeleuchtete Agonie. Erst nach sorgfältigem Abarbeiten der Airbnb-step by steps erhalten wir Zutritt. Im Flur steht ein Gerät, das laute Regengeräusche von sich gibt. Wann immer wir in den nächsten Tagen an ihm vorbeikommen, dimmen wir das Geplätscher herunter, um später festzustellen, dass sich im Haus wohl eine Person befindet, der das elektronische Rauschen hingegen Freude bereitet. Oder ist das eine uns unbekannte akustische Abwehr von Schädlingen?
Aus dem Fenster der Mansarde schauen wir auf vier aufragende Schornsteine und einen imposanten Gebäuderiegel aus den goldenen Jahren der Stahlproduktion.
Welcome to Pittsburgh, one of the most important Swing States 2024.
Für ein paar frühe Sonnenstrahlen setze ich mich in den verwaisten Gemeinschaftsgarten hinterm Haus. Viele Vögel sind zu hören, einige zu sehen, mir bekannt keine. Eine Vogelstimmen-App zeigt mir den prachtvollen Blauhäher – in ganz Nordamerika heimisch wie bei uns der Eichelhäher, der sich lautstark bemerkbar macht, sich in seinem Prachtgefieder aber nicht blicken lässt.
Maggi schüttet ihren Kompost in eine aufwändig gehängte Trommel, die einzige Methode, der Rattenplage Herr zu werden. Mit angeekeltem Gesicht skizziert sie mit den Händen die Größe der hiesigen Exemplare. Beim darauffolgenden Gang durch Brooklyn auf der Suche nach einem Geldautomaten fallen mir nun die zahlreichen Schilder in den Vorgärten ins Auge, die vor Gift und Ködern warnen. Bizarr, neben den mehr und mehr hervorsprießenden Gespenstern, Spinnen und den Skeletten, die mittlerweile überall herumlungern.
Der erste ergoogelte Automat steht ein paar Straßen weiter. Ein schleichender atmosphärischer Wechsel: Mehr Händlertischchen, mehr entrückte stand alones, mit Drogenblick an verrammelte Ladenfassaden gelehnt. Ich bleibe einen Moment stehen und merke erst jetzt, die einzige white person weit und breit zu sein. Ich verirre mich und es ist hier schwer, einen Menschen anzuhalten. Mit kurzem Kopfschütteln eilen sie weiter, als ob ich sie anbetteln wollte. Erst an einer roten Ampel erbarmt sich ein junger Mann und seine Beschreibung führt zum ATM, jener Sorte Geldautomaten, die hier in Geschäften untergebracht und nachts somit nicht dem Vandalismus ausgesetzt sind. Aber die Maschine verweigert meine Karte. Oh sorry, it’s broken. Ohne Dollars kein Einkauf. “Where can I find the next one?” Der steht in einer über und über mit rosa Wattegewebe verhangenen Pharmacy, die asiatische Verkäuferin nickt mir aus der Ferne durch die Halloweenfäden freundlich zu. Diesmal klappt‘s.
Jetzt fehlt nur noch ein Laden, der mehr bietet als Chips, Kaugummi, Softdrinks, Kuchenportiönchen und Cracker. Hier ist er – ein wahres Gemüse-Eldorado. Die Paprika aus Holland, auch die Äpfel Importware. Warum kommt mir das hier merkwürdig vor, wo doch daheim Waren aus Israel, Brasilien und Chile im Regal liegen? Der Preis einer Grapefruit beträgt hier 6 Dollar. Auffällig sind die fünf verschiedenen Bananensorten, die sicherlich auch nicht in den USA geerntet wurden offensichtlich aber wichtiger Teil der Esskultur im Viertel sind. Preise umwerfend hoch, Verpackungsgrößen für Großfamilien und Prepper designt. Vor der Käsetheke, deren Preisschilder mich fast umhauen, versuche ich eine Frau anzusprechen, die sich gerade 2 Käsestücke in den Korb legt. Auch sie zuckt im ersten Moment zusammen und will schon gehen, als mir einfällt ihr zuzurufen ich sei „from Germany“. Sofort kehrt sie neugierig zurück und wir verwickeln uns in a women’s talk über hohe Lebenshaltungskosten. Wie kann sich der durchschnittliche Amerikaner diese Käsepreise leisten, „don‘t the Americans love cheese?“ „Yes, they are very keen on cheese, especially baked cheese!” Am Ende legt sie mir mütterlich ein Sonderangebot in den Korb, „2 for the price of 1“, die gleiche Ware, die auch sie gewählt hat. Thank you so much for helping! Schon ist ein Viertel der abgehobenen Dollar wieder zurück im Kreislauf des Geldes – nur für einen Einkauf, der uns nicht mal über zwei Tage bringt.
Wir sind viel zu spät dran. Grund ist unser Irrglaube, man könne in NY Entfernungen mithilfe eines Straßennamens googeln. Manche Straßen aber durchschneiden über kilometerweite Stecken ganze Viertel. Bushaltestellen haben daher häufig Doppelnamen. Nur die jeweilig angrenzenden Querstraßen ermöglichen Orientierung. Uns bleibt eine halbe Stunde zum Termin bei dem Herausgeber des JACOBIN, einer der größten Zeitschriften der Linken im Land. „Sorry, we’ll be a bit late”. Zügig kommt der Bus. Tickets? Hier im Bus kann man sie nicht lösen. „You can get your tickets in the sub or at the kiosk“. Der Fahrer blickt in unsere entmutigten Gesichter, „please get in so that the door can close“ Erleichtert lassen wir uns auf die Sitze fallen. Brooklyn ist groß, viel größer als das karierte Tischdeckchen auf der Landkarte vermuten lässt. Geschlossene angerußte Backsteinfassaden, grafisch eng verwoben mit dem charakteristischen Zickzack der metallenen Feuerleitern, die die Straßenzüge flankieren. Fabrikmauern, Leitungsmaste, Shops, People … Endlich angekommen, aber der Eingang zur Redaktion ist nicht auszumachen, Hausnummer korrekt, weit und breit aber weder Klingeln noch Namensschilder. Wir klopfen an eine beschlagene Glastüre, im Dunkel des tiefen Raumes Schemen von Youngsters an Rechnern. Einer löst sich und kommt zur Türe, „JACOBIN? SORRY, never heard of it“. Im gleichen Moment, Dieter hat nochmal angerufen, öffnet sich überraschend eine andere Tür neben uns: „Dieter? Micah? Welcome, get in.“ Wir steigen ein schmales Treppenhaus hoch in die lichten Redaktionsräume. Unser Interview beginnt.
Interview mit Micah Uetricht JACOBIN (coming soon)
Als nächstes ein Termin mit der DSA, New York. Die Democratic Socialists of America, sind eine Organisation, der stark auf außerparlamentarische Bewegungen setzt und die zugleich aber auch Kandidaten als Independants auf Listen der Demokratischen Partei zu Wahlen auf verschiedenen Ebenen antreten läßt (Senat, Repräsentantenhaus auf Bundes- und auf Kongressebene) antreten läßt.
Nach langen Versuchen einer Kontaktaufnahme zu den DSA New York nun kurzfristig die Zusage: 3 pm, meeting Gustavo, an einem Brunnen im City Hall Park, Manhattan. Ein Brunnen? Wir hören es in unseren Tonaufnahmen schon plätschern und rauschen. Aber vielleicht werden wir dort ja nur abgeholt. Also auf nach Manhattan. Gustavo erweist sich als schlanker Mittdreissiger mit südamerikanischen Zügen. Wenig später stößt auch Arielle zu uns, eine zierliche junge Frau mit dickwandigen Brillengläsern, langem lockigem Haar, ihre äußere Erscheinung verweist in Richtung naher Osten. Gustavo hat mehr oder weniger nur den Hinweis erhalten, zwei Deutsche wollten ihn sprechen. Dieters ausformulierte Informationen über unser Projekts haben die Weiterleitungskette von Anhängen nicht überlebt. Wir erläutern also nochmal Hintergründe, unser Interesse etc., während aus der Ferne Trillern, Johlen und Musik zunehmen. Ich denke wieder an die Tonspur. Gustavo ist sich nicht sicher: entweder eine Demo pro Harris, oder aber die Feier des Sieges der US Basketball Frauen. Beides schein ihn gleichermaßen wenig zu interessieren. „So: Ask me your questions.“
Wir äußern den Wunsch nach einem etwas ruhigeren Ort, und die beiden führen uns über einige Kreuzungen hinweg zu einem Straßencafe: „It’s ok here?“ Einen Meter neben den Plastikstuhlinseln donnert der Verkehr vorbei. Im nächsten Lokal spielt laute Musik. Ich erläutere noch einmal kurz die Problematik der Anschlüsse im Film. Film? Arielle schaut entgeistert zu Gustavo. Ein Hauch Frost zieht in die Konversation ein. Wir müssten verstehen, die DAS verträten in Teilen ganz andere Positionen als die ihren, allem voran in der derzeitigen Debatte um Gaza. Sie, Arielle hätte palästinensische Wurzeln und auf den Demonstrationen in den hiesigen Universitäten teilgenommen … Ratlosigkeit. Die beiden erbitten sich eine Denkpause und verschwinden für ein paar Minuten nach draußen. Nach Rückkehr steht ihre Entscheidung: no film, no recording. Dann eben ein Gespräch. Wir setzen uns an einen Tisch im ruhigeren Teil des Cafés, aber nahe der Speisenzubereitung. Neben meinem Ohr rührt ein Mixer im Dauerbetrieb. New York, the city that never sleeps. Wie auch bei dem Lärm, denke ich, und schlage mein Notizbuch auf.
23.10.2024 15:30
Interview mit Gustavo (Arielle) in einem Cafe, Manhattan NY
Dieter: Die DSA unterstützt Harris. Was wird aus den Forderungen und Themen der Linken, die mit dieser Unterstützung verbunden werden, nach der Wahl? Was wird aus einem derartigen Deal?
Gustavo: Für die DSA trifft das nicht zu – mit uns gibt keinen derartigen Deal. Wir unterstützen schlichtweg die Gegenposition zu Trump, keine Kampagne für Harris. So gibt es auch keine Forderungen, weder für ein Waffenembargo noch bezüglich des derzeitigen Palästinagenozids in Gaza. Proact beispielsweise agiert für das Recht auf Selbstorganisation. AOC setzt sich für Themen ein wie social housing. Die Organisationen wählen Delegierte (voting uncommitted delegates). Das bedeutet in der Realität aber nur eine Anerkennung, jedoch keine politische Repräsentanz von Organisationen wie DSA und Proact.
Dieter: Wie steht es um die Positionen der Linken in den umkämpften Swing States?
Gustavo: In den Swing States werden die aufwändigsten Wahlkampagnen überhaupt betrieben. In Michigan beispielsweise hat die Bevölkerung einen sehr hohen Anteil an Einwohnern arabischer Herkunft. Auch ist der Anteil jüdischer Bevölkerung deutlich höher als in Europa. In Wahlkampagnen investiert die eine Seite 2 Mio Dollar, die andere ganze 50 Mio. Und das, um die Stimmen von etwa 8.000 Personen zu gewinnen. Diese Investitionen muss man mal pro Kopf ausrechnen. Es übertrifft die Ausgaben von ganz Großbritannien für eine Wahl. Und diese Kampagnen werden unter anderem auch von Steuergeldern finanziert.
//2012 Citizen-Bewegung für Hillary Clinton//
Es gibt durchaus Initiativen die dafür kämpfen, Wahlbudgets generell zu limitieren. Aber Personen wie Musk hält so etwas nicht auf. Für ihn wäre, wie für Trump, ein Verstoß gegen dererlei Regeln nur ein weiterer unbedeutender Prozess, mehr nicht.
Dieter: Es kursiert die These, dass die Position von Trump die Linke stärke.
Gustavo: Einige wenige Accelerationists auf Seiten der Linken kippen hier und da sogar Richtung Trump, die DSA steht grundsätzlich aber klar gegen ihn. Nach fünf Jahren Wahlkampf ist die Stimmung ziemlich demoralisiert. Einige Mitglieder der Gewerkschaften unterstützen mittlerweile sogar Trump. Die Gewerkschaftsführer haben vielerorts der Kontakt zur Basis verloren. So stimmt beispielsweise John Fayn gegen die Republikaner, die Mitglieder seiner Gewerkschaft hingegen voten für Trump. Insgesamt ist die Position der Gewerkschaften sehr schwach, und das könnte in der Wahl den Ausschlag geben. In North Carolina, einem wichtigen Swing State, gibt es praktisch gar keine Gewerkschaften.
Dieter: Wird im Kontext der Agenda 2025 in den USA über das Risiko einer Entwicklung hin zum Faschismus diskutiert?
Gustavo: Eine Faschismusdebatte existiert, wenn überhaupt, im linken Flügel. Der Rechtsruck ist eine Antwort gegen den jetzigen Staat. Auch wenn der Kongress die Demokraten bestätigen wird, ist die Regierung Harris noch lange nicht „demokratisch“. Und für die nächste Wahl halten die Republikaner durchaus starke „Ersatzmänner“ für Trump bereit. Insgesamt herrscht generell die Stimmung vor, die Demokratie hätte versagt und der Kapitalismus gesiegt. Sollten die Gerichtsbarkeiten politisch gekippt werden, dann geht die Linke in die Revolution. Nur ein gespaltener Kongress könnte diese Machenschaften von Trump dann noch ausbremsen. NY würde bei derartigen Schritten in massive Opposition gehen, andere Staaten wie Kalifornien ebenso.
Dieter: Vielen Dank für eure Zeit und das interessante Gespräch.
Die beiden verlassen das Café. Im unberührten Getränk von Arielle schwimmen geschmolzene Eiswürfel. Wir bleiben einen Moment sitzen. Was, wenn auch kommende Interviews unter Hürden von Ängstlichkeit nur in einem Protokoll enden? Sind es die medialen Kollateralschäden der sozialen Netzwerke, von denen diese Generation heimgesucht ist? Oder ist es eine Zerrissenheit linker Bewegungen, die hier sichtbar wird? Schwer einzuordnen. Wir machen uns auf zur Subway. Hier geht grad gar nichts mehr, Arzteinsatz und die Reisenden machen sich sukzessive wieder auf den Weg nach oben. Am Ausgang bekommen wir Ersatztickets für eine kostenfreie Weiterfahrt. Ganz unkonventionell, von träumen wir in Deutschland nur. Die nächste Haltestelle liegt wieder Richtung Park, der „Lärm“ unweit der City Hall ist nun deutlich lauter geworden. In einem mit Gittern zur Straße gesperrten Randbereich des Parks sammeln sich die mehr und mehr Menschen: Kamala Harris, nicht Basketball! Über Lautsprecher dröhnt Popmusik. Auf den Tischen liegen große, blaue Pappen mit „Harris–Walz“ und grüne Schilder mit Slogans verschiedener Gewerkschaften. Buttons, Aufkleber mit einer Harris, die nach altamerikanisch gemalter Plakatmanier ihre Muskeln spielen lässt – alles zum Mitnehmen. Please, take it. Hinter den Tischen ermutigen Frauen die Passanten, sich in die Wahllisten einzutragen, Schreibhilfen mit geklammerten Papieren werden behelfsmäßig auf den Absperrgittern abgestützt, um spontan zu signieren, werden mit Stift weitergereicht. Den sichtbar größten Teil der Menge stellen People of Colour.
Mikrotest. Check. Check. Welcome to the Ralley! Ähnlich einer Powermischung aus Popkonzert und Gospelgottesdienst fliegen die Worte zwischen den Rednern am Pult und dem Publikum hin und her. Prominenz wird mit lautem Jubel, hüpfenden wie geschwungenen Schildern, wild gewedeltem Klatschhändchengeklapper begrüßt. „We will…“ vorne vom Micro, „WIN!!!“ schallt die Menge. Wieder und wieder. Zu den Musikeinlagen nach kurzen Redebeiträgen wird mitgeschwungen, mitgesungen: Respect … just a little bit, Respect … This Girl ist on fire … Brothers and Sisters! We will fight. Es scheint als rufe man sich gegenseitig Mut zu. Ein weiterer Gangway ist reserviert für Passanten neben der Kundgebung, Ordner bewegen Reporter und Schaulustigen unermüdlich: Keep it open, please, keep it open. Let people pass by. In diesem cattle grid läuft ein Kontrahent in trumpbedruckter Kleidung laut schimpfend hin und her. „You are Haters, 2025 we will take the city back. We bring truth and love. You are the haters!“ Alle zehn Minuten taucht er wieder auf, mit neuen Parolen, neuen shouts provoziert er die Menge. Kaum eine der meist weiblichen Demonstrantinnen hat ein Auge für ihn. Dann durchbricht ein Mann das Gitter und droht. Es wird einen Moment laut. Ein Ordner asiatischer Herkunft fängt ihn sanft ein und sortiert ihn zurück hinter die Absperrung. Der Trumpist zieht meckernd weiter in seiner Umlaufbahn.
Neben mir steht eine ältere Frau, ein großes Plakat um den Hals. Ihre Augen lächeln mich an. 77 Jahre alt sei sie, nie wäre eine Wahl so wichtig gewesen. Sie ist begeistert zu hören, dass wir eine Reise nach Amerika angetreten haben, um in diesen Tagen vor Ort zu sein. Zur Inauguration von Obama damals wäre sie extra nach Washington gereist. Auch dort wären ihr people from Germany begegnet, die sich aus politischen Gründen in den Flieger gesetzt hätten. „We are moved by your participation. Our country is going through a difficult time.” Das Programm auf der Bühne scheint beendet, es wird leiser um uns. “Do you think the ralley is over? I thought Harris herself will come” sagt sie fast entäuscht. Dann kommt es wieder, das Glänzen in ihren Augen. “We should continue and dance”. Sie schwingt die Hüften. Viele Menschen bleiben. In Gruppen sprechen sie miteinander, am Rande, im Park, die Atmosphäre wirkt nun familiär, es scheint als kennten viele sich bereits aus der neighbourhood. Es gesellt sich eine weitere Frau zu uns, Lehrerin, Großmutter dreier Enkel. Man ist sich einig, daß der „flipflop-runnigmate“, der Wendehals Vance fast noch gefährlicher sei als Trump. Dass die Wahl immer noch so unentschieden sei, läge an der „Unzahl dementer Amerikaner“, die immer noch nicht begriffen hätten, worum es hier eigentlich ginge. Bei Einbruch der Dunkelheit steigen wir in die Subway. Daheim sitzt Vera müde am Küchentisch, sie hat die Stelle in der Bäckerei bekommen und muss gleich morgen wieder früh raus.
Good Morning America. Die neue Zeitzone schenkt allen Reisenden in Richtung Westen einen „gegenkorrigierten“ Tagesbeginn. Gälte die deutsche Uhrzeit, hätten wir bereits die Hälfte des Tages verschlafen. Eine sonnige Wohnküche. WLAN, die erste Suche im Netz: „Kann man dem Trinkwasser in New York trauen?“ Oberster Eintrag: „Wisst ihr eigentlich, wie viele verschiedene Schadstoffe man im Trinkwasser von NY …“ Wir wechseln zu den offiziellen Seiten der Stadt und setzen den Tee auf. Mit Wasser aus der Leitung.
Maggie, Künstlerin und Mitbewohnerin hier im Haus postet uns vorsichtig eine SMS: Welcome. Und eine Einladung: Heute Abend gibt es in der Gemeinschaftsküche unten im Souterrain ein get-together der Bewohner des Hauses. Ein guter Einstand. Jetzt aber erstmal Frühstücken. Dieter berichtet von seiner abendlichen Erkundung: um die Ecke gibt es wohl ein paar kleinere Lebensmittelläden. Ich mache mich auf den Weg, doch die Läden haben geschlossen, sind teilweise vernagelt.
Ein paar Blocks weiter die Filiale einer stadtweiten Kette, fast in jedem Block zu finden: Glorious „Deli“ lädt ein. Durch eine Lücke des bis zur Decke gestapelten American food, schaut das freundliche Gesicht eines Verkäufers mit Turban. Er liest in meiner translation app. Haferflocken? Yes, maybe. Nach einer Umschichtung der Türme bunt bedruckter Plastiktütchen fördert er unter Bergen von Genussmitteln auch Grundnahrungsmittel zutage. Später starte ich einen zweiten Anlauf. Diesmal suche ich eine Flasche Wein für den Einstand heute Abend. Alkohol? No Alkohol. Die meisten kleineren Lädchen bieten derlei nicht an. Supermarket?
Die Wegbeschreibungen der Passanten zeigen: Englisch ist oft nicht ihre Muttersprache, sondern nur Vehikel zur Verständigung im babylonischen Nebel der Großstadt. Offene und freundliche Gesichter, kurze Wortwechsel. Ich stoße auf einen üppig bestückten Supermarkt. Das Weinregal dort bietet sechs verschiedene Flaschen amerikanischer Produzenten, zwei davon Besorgnis erregende Mixturen, auf deren Etiketten verdächtig pralle Trauben prangen. Ein paar Meter weiter ein großer, begehbarer Kühlraum mit unzähligen Biersorten verschiedenster Provenienz. Zurück zum Weinregal. Ein Californischer könnte gut sein, America first.
Noch ist ein wenig Zeit, wir konzipieren Interview-Fragen für den morgigen Termin mit einem der Herausgeber des Magazins JACOBIN. Geräusche aus der Gemeinschaftsküche signalisieren erste Kochaktivitäten. Rechner zu und auf geht’s. Maggie und ihre Tochter Vera stehen schon in der Küchenzeile zwischen Rosenkohl, Süßkartoffeln und anderen auf Blechen verteilten Gemüsen. Vera ist erst seit ein paar Tagen zurück in New York, nachdem sie vorher auf dem Land nördlich der Stadt gearbeitet hat. Morgen muss sie früh raus, um sich auf eine Stelle in einer Bäckerei zu bewerben. Der Weg dorthin dauert fast 1 Stunde, und sie vermutet, dass es schwer würde, die Stelle zu bekommen. Eine Freundin aus Maine ist auch zu Besuch. Sie nächtigt in einem weiteren dieser offenen Appartements irgendwo im Haus. Im Sitzbereich des Souterrains liegen viele Dinge verstreut, darunter Bücher, Kleidung und Kisten. Ein paar der Bände hat Maggie vor dem Haus an den Gartenzaun gelegt, und einige fanden im Verlaufe des Tages Liebhaber. Sie ist glücklich über das Interesse und die elegante Form, sich auf diese Weise eines Zuviels an Besitz zu entledigen. David, ein weiterer temporärer Bewohner des Hauses, präpariert ein Hähnchen. Er arbeitet in einer Firma, spezialisiert auf die Restaurierung des Interieurs denkmalgeschützter Gebäude und zeigt auf seinem Handy mannshohe Kronenleuchter, Kaskaden aus Glasperlen und glitzernden Stäben, seine derzeitigen instand zusetzenden Objekte. Sie entstammen der üppigen Deckendekoration im Foyer eines Grandhotels, Chicago. Welch weltläufige Pracht einer jungen, aufstrebenden Wirtschaftsmacht aus diesen üppigen Dekorationen atmet! Maggie springt auf. Unter den Kisten auf dem Sofa zieht sie einen kleinen Karton mit einem Lampenschirm in Form einer kompakten Weintraube. Aus grünen Glaskugeln zusammengesetzt mit komplizierten Eisenranken dekoriert, atmet ihre Gestaltung die Eleganz der europäischen Jahrhundertwende. Diese rettet das Motiv aus der Banalität von Etiketten schlechter Weine in schummrigen Pizzerien und macht aus ihr eine skurrile, antiquarische Rarität. David gibt Hinweise zur Wiederherstellung der Lampe und verspricht Maggie, ein paar der abgebrochenen Blätter wieder anzulöten, Maggie ist begeistert, obwohl sie eingesteht, dass eine solchen Lampe eigentlich gar nicht ins Haus paßt. Dinge halt. Aber noch landet die Lampe nicht am Gartenzaun.
Mittlerweile ist Yftach eingetroffen, Maggies Mann und Veras Vater. Beim gemeinsamen Essen tauchen wir ein in das Thema der bevorstehenden Wahl. Yftach ist in der IT Branche tätig und gewerkschaftlich aktiv. Er berichtet von Reisen nach Michigan, um dort von Tür zu Tür um Stimmen zu werben. Maggie berichtet ihrerseits von den jüngsten Aktivitäten als Wahlhelferin. Die ihr ausgehändigte Liste vermeintlicher „Nichtwähler“ in North Carolina, die sie telefonisch zum Gang an die Wahlurne motivieren soll, sei aber in vielen Fällen fehlerhaft gewesen. So sei sie mit etlichen Trump Wählern in unerfreuliche Diskussionen verwickelt worden. Anstrengend und sicherlich das letzte Mal, dass sie sich in dieser Form engagieren wolle. Unter den ihr nahestehenden Menschen gäbe es keine Trumpwähler. Generell blieben sich die politischen Lager im normalen Leben eher fremd. Bis auf wenige Ausnahmen, wie sie am Beispiel ihres eigenen Sohnes Adam berichten, der eine ausgesprochen linksorientierte Haltung einnehme. Aufgrund Trumps Versprechen, nach gewonnener Wahl die Unterstützung des Krieg in Gaza sowie des Ukrainekrieges zu beenden, überlege Adam, sein Kreuz bei Trump zu machen. Erstaunlich. Could you explain this? Für Maggie wird es zu kompliziert, die Begründungsfiguren adäquat wiederzugeben. Just ask Adam himself, please, he lives nearby.
Die Gesprächsthemen am Tisch mäandern weiter. Wie steht es mit Reisen? Wer war schon einmal in Deutschland? Ja, Berlin und München sind bekannt, Leipzig auch. Vera schwärmt von Tirol, dorthin würde sie so gern einmal zurückkehren! Herrliche Landschaft und: so nette Menschen! Ich muss an die italienische Gynäkologin von gestern denken. Wir sprechen über Gerüchte, die schwer ohne Kontakte zum anderen Land zu verifizieren sind. Ist in Deutschland ist das Mitführen von einem Personalausweis Pflicht? In den USA hat in der Regel keiner seine Papiere dabei. Auch, weil ein großer Teil der Amerikaner:innen gar keinen Pass besitzt. Man könne hier ja weit reisen, bevor man auf Landesgrenzen stoße.
Völlig konträr dazu ihre Grenzerfahrungen in Europa. Vor vielen Jahren teilte ich das Zugabteil mit einer Gruppe amerikanischer Stipendiaten, die von München nach Venedig und von dort weiter nach Prag fuhren. Über den auf dem Oktoberfest entwendeten Maßkrug, heiter und lautstark immer neu mit Bier befüllt, kamen wir ins Gespräch. Es kreiste zunächst um Europa, um Spülbecken ohne Häcksler, das Geschirrwaschen mit der Hand – und ohne Gummihandschuhe! Das schien sie an Italien besonders zu irritieren. Euphorie gemischt mit Anspannung beflügelte die Unterhaltung, denn ihre Reise entwickelte sich gerade zu einem illegal verlängerten Wochenende. Homebase ihres Auslandstudiums war Rom, wo zeitlich überzogener Ausgang im Institut schwer geahndet wurde. Seit zwei Tagen befanden sie sich weit über ihren Zeitplan hinaus größtenteils in Zugabteilen. Deren Enge waren sie schon von ihrer römischen Herberge gewohnt und betrübte sie keinesfalls. Aufgebrochen aus ihrer gleichfalls engen Lerndisziplin hofften sie, halb Europa mit allen dazugehörigen Sehenswürdigkeiten in vier bis fünf Tagen abzuhaken. Jetzt liessen sie sich assoziativ treiben berauscht von den wenigen Stunden, die zwischen Amsterdam, Brüssel oder Paris lagen. Alles unvorstellbar nahe! Auf mein erkennbares Entsetzen über dieses Unterfangen rechneten sie mir in Kilometern vor, wie weit man damit in Amerika käme, und welche kulturellen Schätze dort auf dem Weg liegen würden. – Und umgekehrt schienen sie schockiert, als ich mich ich mich zwischendurch mit dem Schaffner auf italienisch zu verständigte. Drei Sprachen? In ihrem Land sprächen die meisten Menschen ausschließlich englisch. Wozu auch die Mühe, wenn jedem ein ganzer Kontinent damit offensteht.
Früher als vor einem Langstreckenflug ohnehin nötig, sind wir aufgebrochen. Dieter aus Bonn, ich aus Wuppertal. Doch heute sind all unsere Anschlüsse der Bahn pünktlich – derzeit fast ein Wunder in Deutschland. Dagegen brach gestern Nacht der Internet-Checkin bei der Lufthansa nach einer wirren Stunde redundant aufpoppender Sperrigkeiten abrupt ab. Technische Probleme bei der Lufthansa. Sorry. Also das Ganze dann noch mal am Flughafen. Gut, dass wir so früh dran sind.
An den Schaltern der Lufthansa überall leere Stühle. Automaten stehen Spalier. Davor aufmerksam herumflanierende Angestellte. Sie nehmen den ratlosen Reisenden die erforderlichen Schritte höflich ab. May I? Beflissen und mit schnellen Tippbewegungen greift an unserer Seite vorbei eine Hand in die Tasten. Erstellt. Voila, your Boardingcard. Im Weitergehen stellen wir fest, dass die für uns gebuchten Plätze nicht einmal in Sichtweite zueinander liegen. Oh, sorry. Go to the counter. They will help to change it. Die Counter neben den Transportbändern sind ebenfalls ausgestorben. Das Aufgeben der Koffer wird dort erneut von verstreutem Personal assistiert. Hier ein verklemmtes Klebeband aus der Maschine ziehen, dort abschließend das Gewicht kontrollieren.
Warten in einer der steifen Sitzschalengruppen vorm Boarding. Einige schlafen, ihre Jacken um die Schultern gelegt. Langsam belebt sich das Gate mit Personal, die Digitalanzeigen bleiben noch dunkel. Der deutsche Lufthansaangestellte und ich sprechen höflich in schlechtem Englisch miteinander. Ich erkläre, aufgrund meiner Flugangst gerne close to my husband sitzen zu wollen. „Oh, I have about thousands seats to change“ kommentiert seine Kollegin neben ihm ironisch über die Schulter. Eine größere Reisegruppe ist unterwegs viele, sehr viele Wünsche sind zu erfüllen. Zwanzig Minuten vergehen. Die Kollegin wandert durch die Sitzschalen, sie sucht mich. „Wir haben sie schon ausgerufen“. Wirsch drückt sie mir zwei neue Karten in die Hand. Boarding wird in Gruppen aufgerufen, schön der Reihe nach. Erst die Erdbeergruppe, danach die Kirschgruppe. Das Flugzeug füllt sich auf diese Weise systematisch. Wir belegen nun nach der Korrektur zwei Sitze der allerletzten Reihe, dort, wo man den Stewardessen beim Pausentuscheln hinter den Trennvorhängen lauschen kann. So erfahren wir von einem Passagier an Bord, der dringend ärztliche Hilfe benötigt. Die Frau in unserer Dreierreihe dreht sich nach hinten zu ihnen um. I am Gynäcologist. Oh, Thank you but … Der kriselnde Mitreisende wird bereits durch einen anderen Arzt an Bord versorgt.
Sobald der Screen am Sitzplatz ein Lebenszeichen von sich gibt, starten fast alle Reisende einen Film. Die Sprachauswahl unserer Sitznachbarin lässt darauf schließen, dass sie Italienerin ist. Um ihren Mund herum hängt lose eine Atemschutzmaske. Postcoronazeiten. Die ersten Stunden des Flugs kühlt die Klimaanlage auf frühwinterliche Temperaturen herunter. Die Enge unserer Plätze lässt kaum Bewegungen zu. Mit nervösen Bewegungen wickelt die Nachbarin ihren Daumenmantel enger um sich, aus der fellumrandeten Kapuze über ihrem Kopf dringt willentlich hörbar ein „Cold, too cold“. Sorge liegt in der Luft. „I’m going to visit my son“, der an der Columbia University ein Stipendium begonnen hatte. Das strenge Zeitkorsett der Hochschule ließe ihm allerdings only little time for his mother, obwohl diese doch nur für ihn und einige wenige Tage einen Ozean überquere. Ein zweiter Sohn, der eigentlich heute mit im Flieger sitzen sollte, habe vergessen, zeitig seinen Pass zu erneuern. Deswegen reise sie nun allein. Bei laufendem Film blättert sie in einem Reiseführer. Womit könnte man sich tagsüber in New York die Zeit vertreiben? Im Geiste wartet sie schon auf den Abend, auf ihren Sohn. Einen Tag nur darf auch sie seine Hochschule betreten. Für diesen kurzen Besuch benötigt sie einen QR-Code, den ihr der Sohn bereits gemailt hat. In den USA, so fürchtet sie, I’ll have no longer access to my mail account! Wie kommt sie dennoch in die Colombia hinein? Stunde für Stunde schwindet hoch oben in der Luft die Hoffnung auf einen Tag in der Nähe ihres Sohnes. Wenigstens einen. Ihre Praxis liegt in Bozen. Lukrativ, aber sehr einsam. Die Menschen dort ziehen sich in ihre Häuser zurück, sagt sie. Grenzen sich ab. Ganz anders als in Italien. Das Gebläse bläst weiter Kälte in die Kabine.
Der Flug verläuft ruhig. Nach und nach wird es sogar wärmer. Schon zeigt der Horizont Lichter. Druck auf den Ohren. Harte Landung, wenig Rangiererei. Thank you for flying with Lufthansa. Die Schlange vor der Passkontrolle scheint zunächst entmutigend. Für die biologische Uhr geht’s bereits auf 3 Uhr nachts. Fingerprints, auch der Daumen bitte. Die allseits ängstlich bereitgehaltenen Ausdrucke der Einreisegenehmigung werden abgewunken. „We got you already“. Biometrische Gesichtserkennung, Namen … und alle weiteren Details sind bereits im Rechner. Keine Zollkontrolle, „Welcome to the United States of America“ und schon stehen wir am Ausgang, an dem sich große SUVs mehrreihig stauen um Ankömmlinge abzuholen. Hier in New York ist es noch früher Abend.
Gemeinsam mit der Ärztin nehmen wir ein Taxi, zunächst nach Brooklyn. Für sie geht es weiter nach Manhattan. Mit dem Fahrer ist Verständigung kaum möglich, eine dicke Covid-Plastikwand läßt neben Viren auch Sprachfetzen beiderseits abprallen. Draußen ziehen weiträumige, hell erleuchtete Großbaustellen vorbei, drinnen ziehen Werbeclips auf einem kleinen, in die Plastikwand eingelassenen Bildschirm magisch die Blicke auf sich. Vor allem Hundebabys, wechselweise aus Tierheimen oder beim Fressen flimmern uns Mitleid heischend an. Ein Nachklang der Covid-Zeit, während der vor allem in den Städten die Anzahl der Haustiere sprunghaft gestiegen war – und danach die der ausgesetzten.
Macon Street, Brooklyn. Wir zahlen das erste Mal in Dollar und stehen vor unserer abendlich stillen Unterkunft, einem der typischen Reihenhäuser mit steilen Treppen hoch zum klassizistischen Eingang. Mit einem Zahlencode gesicherte Kästchen hängen an den Gittern der Vorgärten. Darin die Haustürschlüssel. Nur vier Zahlen öffnen uns das Haus. Die Wohnungstüren darin sind auf allen Etagen unverschlossen: Hier lebt eine Hausgemeinschaft. Unsere Gastgeberin ist derzeit in Deutschland. Ob wir die Wohnung auch abschließen könnten? „Sorry” schreibt sie, “I even don’t remember where I have put the key.” Dieter dreht vor dem Schlafengehen draußen noch eine Runde und fotografiert. Nächtlich beleuchtete Vorgärten.
Kürbisse, Skelette, Zuckerwatte-Spinngeweb. Halloween ist nah. Die Wahl ist nah. In Deutschland wäre es nun 5:00 Uhr morgens, Zeit ein wenig auszuruhen.
September 2024. Die ganze Welt schaut seit Monaten auf die kommende Wahl in den USA. Die extremen Zuspitzungen, die den Wahlkampf beherrschen, sind irritierend. Die Berichterstattung unserer Leitmedien lässt zu viele Fragen offen, insbesondere angesichts der zu erwartenden, einschneidenden Folgen, die der Wahlausgang auf die Weltpolitik und auf uns in Europa haben wird.
So erkenntnisreich manche der Lageanalysen auch sind, stets werfen sie neue, weiterreichende Fragen auf, die auf Kernfragen der demokratischen Legitimation dieser führenden Weltmacht zielen. Unsere gefühlte Unsicherheit wächst, je näher der Tag der Entscheidung heranrückt. Im Grunde müssen wir uns eingestehen, trotz formeller Nähe zu diesem Land und enger Verbindung unserer Kulturen viel zu wenig zu verstehen, was jenseits der großen Linien politischer Auseinandersetzungen die Menschen wirklich bewegt. Wie sehen sie die Zukunft ihres Landes, seine künftige Rolle inmitten der herrschenden Krisen und Kriege? Welche Träume haben Sie von ihrem Leben, welche Sorgen und Nöte bestimmen ihren Alltag?
Seit Monaten reift daher unsere Idee, in den historischen Tagen dieser Wahl selbst am Ort des Geschehens zu sein, um uns mit eigenen Augen ein Bild zu machen. In Vorbereitung dieses Projekts nehmen wir Kontakt zu politischen Organisationen, Institutionen und anderen Akteuren auf. Im Focus stehen zum einen die wahlentscheidenden Swing States. Zum anderen beschäftigt uns die im deutschen Diskurs unterbelichtete Frage: Welchen Einfluss haben links-progressive Bewegungen und Organisationen auf den Ausgang dieser Wahl und welche Vorstellungen haben sie für die Zeit danach?
16 Tage vor der Wahl sind wir nun in die USA aufgebrochen. In direkter Begegnung mit den Menschen beeindrucken uns Vielfalt ihrer kulturellen Eigenarten ebenso wie unkonventionelle Strategien der Alltagsbewältigung. Die vehementen Spannungen gesellschaftlicher Polarisierung des Landes spiegeln sich in aktuellen Phänomenen facettenreich wider.
Dieser Blog ist eine schrittweise Annäherung an ein emphatisches Verständnis ihrer derzeitigen Herausforderungen. Die Sorge, durch politische Äusserungen ins mediale Kreuzfeuer zu geraten, schreckt hier derzeit viele ab, sich vor laufender Kamera zu äußern. Durch die, diesen Bedenken angepasste Form – einer Mischung aus Texten, Bildern und Audioaufnahmen – erhoffen wir uns, Interessierte in den – für Amerika historisch gesehen wegweisenden Wochen möglichst zeitnah an unseren Beobachtungen teilhaben zu lassen…
Im Wettrennen mit den wenigen verbleibenden Tagen werden wir zeitaufwändigeres Material wie Ton- und Videoschnitt zum Teil etwas zurückstellen und erst später als link in den Blog einfügen können. Weiteres Bildmaterial zu den hiesigen Textbeiträgen findet ihr aktualisiert unter unserem gleichnamigen Account „USA2025whatsleft“ auf Instagram sowie Youtube.