30. Oktober, noch 6 Tage bis zur Wahl
Greyhound, das war schon in den siebziger Jahren der Inbegriff für cooles Reisen in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Heute unser erster Elchtest bezüglich dessen, was von dieser Legende noch übrig ist – zumal neben dem Greyhound-Logo nun das von Flixbus prangt. Wer hat wen übernommen? Der Ami-Traditionsladen den Deutschen Newcomer? Diemut gewinnt die Wette: Genau umgekehrt! Ob Trump das genehmigt hätte? Ist doch unamerikanisch, jetzt noch Greyhound zu fahren, oder? Unweit der nüchternen Abfahrtsstation für diese Langstreckenbusse befindet sich eine spektakuläre Halle, Teil der Penn Station von 1904, für die Dieter kurz vor unserer Abfahrt noch einen fotografischen Abstecher wagt. Sie ist Teil einer historischen Bahnhofshalle im Stile der Beaux-Arts Architecture und bietet ästhetisch den maximalen Kontrast zur zentralen Abfahrtstation des Busunternehmens ein paar Meter weiter.
Neben Diemut wartet ein junger Mann auf seine Verbindung nach Chicago. Er stammt aus Venezuela, ist eingewandert, nachdem er zuvor eine Zeit in Peru und Chile verbracht hat. Jetzt habe er einen Arbeitsvertrag für eine Abrissfirma unterschrieben und fährt zum Arbeitsantritt in eine Stadt, die er zuvor nie gesehen hätte. Er sei das Einzige von vier Kindern, welches jetzt das Land verlassen hat, um aus der Ferne Geld nach Hause zu schicken. Der Tageslohn in Venezuela, beträgt für vergleichbare Arbeit derzeit drei Dollar – nicht ansatzweise ausreichend, um zu leben, geschweige denn, um den alternden Eltern Arztbesuche zu ermöglichen. „Es geht nur nach vorn“, sagt er, „never back“. So auch ein Wahlslogan von Harris. Sein Englisch ist gut verständlich, er habe schon in der Schule begonnen, diese Weltsprache zu lernen. Wenig später gesellen sich weitere spanisch-sprachige Reisende zu uns, er wechselt in Windeseile in seine Muttersprache.
Mittlerweile ist unser Bus eingetroffen. Ein hagerer, entschiedener Fahrer kontrolliert Fahrkarten und Gepäck, gibt humorvolle Ansagen im Lautsprecher durch: Pause in Cleveland, Ohio, Umstieg für Reisende Richtung Detroit in Toledo. Klassenfahrtgefühle. Dieter setzt seinen Rucksack kurz auf einem Koffer ab. „Hey man – do you want to break my display? When you unpack your food, I’ll get the first bite. Or I’ll punish you! “ Wir lachen.
Die erste Etappe verläuft ruhig. Das Businterieur ist bis auf’s Skelett abgerockt, Sitzpolster verschlissen, aus den Armlehnen bröselt der Kunststoff. Es scheint, als würde der Konzern die letzten Dollar aus seinem müden Fuhrpark herauspressen. Entgegen unserer Vorstellung, wir würden jetzt durch eine weitläufige Felderwirtschaft reisen, reiht sich in den nächsten Stunden ein krüppeliges Waldstück an’s nächste, Flüsse führen wenig Wasser, viele Bäume sind blattlos und aschgrau. Ab und zu eine Kuh, ab und zu eine Farm, hier und da ein Maisfeld. Insgesamt keine Agrarwirtschaft im großen Stil. Dann ziehen gigantische Billboards vorbei, die für Neubausiedlungen werben. Ein paar hundert Meter weiter vereinzelt schon ein paar der neuen Häuser in bisher unerschlossenem Umfeld. Wir passieren die Grenze des Bundesstaates, nun geht es durch Ohio. Alles bekannte Namen, ohne die kleinste Vorstellung, was sich dahinter verbirgt. Wenig später Ankunft in Cleveland. Fahrerwechsel. Auch die Weiterreisenden müssen alle aussteigen, der Bus wird gesäubert, ein neues Gate wird für den Wiedereinstieg angegeben.

Die Wartehalle von Cleveland entspricht noch perfekt meinen früheren, kindlichen Vorstellungen der Marke Greyhound: Wir kommen in einen Bau der späten Sechziger, zwischenzeitlich wohl stillgelegt und nun improvisiert wieder zum Leben erweckt. Aber nicht saniert. Hier und da fällt Farbe von der Decke. Schriftzüge an den Wänden sprechen von besseren Zeiten, von mehr Bewirtung und Infrastruktur während der Wartezeiten. Von klaren Vorstellungen der “ Damen und Herren“, die seinerzeit zu reisen pflegten. Jetzt sitzen nur wenige Gäste in der Halle, müde über ihre Handys gebeugt, die Abfahrt hat sich mittlerweile um über 1 Stunde verzögert. Am Gate wartet ergeben eine Gruppe Mitreisender, die auf unsere Frage nach Ursachen der Verspätung schüchtern mit den Achseln zucken. Wir gehen aus dem Gebäude heraus und suchen den Bus, er kann ja nicht verschwunden sein. Vor dem Fahrzeug steht nun ein schwergewichtiger Fahrer, der einen agilen Kontrolleur der Company verfolgt, wie dieser das Fahrzeug umrundet, abwechselnd auf Reifen klopft, alle Klappen behende öffnet und schließt, Funktionen testet und im Stakkato dem Fahrer alles erklärt – ein offensichtlicher Neuling, der gerade angelernt wird und sich den Schweiß von der Stirn wischt.
Wir fragen, der Kontrolleur hält inne. Es gibt zwar noch was zu tun, aber OK, wir können unsere Plätze schon mal einzunehmen. „We‘ll start soon“. Da wir in den vorderen Reihen sitzen, verfolgen wir nun aus nächster Nähe, wie der Fahrer an seinem Platz eingewiesen wird. Leider passt er kaum zwischen Steuerrad und Sitz. Er meint zwar „passt schon“, der Kontrolleur aber widerspricht entschieden. Er solle seinen Sitz doch vernünftig einstellen. Der Fahrer findet nicht die entsprechenden Knöpfe. Der Kontrolleur kontert, diese Knöpfe seien gar nicht mit der Hand zu bedienen, sondern mit dem Fuß! Der Fahrer quält sich ein weiteres Mal hervor, tupft die schweißnasse Stirn, während der Kontrolleur mit sicheren Handgriffen und einem zusätzlichen Schaumgummikissen den Platz für den fülligen Fahrer herrichtet. Nach weiteren zwanzig Minuten steigen auch die geduldigeren Fahrgäste an Bord. Der Kontrolleur, zieht seine Jacke aus und legt sie auf den Vordersitz. Es scheint als würde er die Tour begleiten, wir Zeugen einer nächtlichen Fahrstunde Richtung Westen. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Zunächst sollten wir doch erst einmal losfahren. Auf den ersten zehn Metern Parkplatz setzt der Fahrer den Bus hart gegen eine größere Betonkante. Jetzt verliert auch der Kontrolleur etwas die Geduld. Wieder zurück auf Start, aussteigen, die betroffenen Wagenteile kontrollieren. Aufatmen, als sich endlich die Schranke des Parkplatzes hebt. Wir bangen nun um unseren Anschluss.

Während der folgenden Fahrt glätten sich miles after miles die Wogen, mischen sich diffus die Obertöne der weiblichen Stimme aus dem Navi mit zunehmend entspannterem Bass zwischen Schüler und Lehrer, draußen gleiten die Lichter des Highways. Zeit endlich etwas auszuruhen.
Toledo, umsteigen. Wir haben sogar gut aufgeholt und Zeit für eine Stärkung. Unser Busfahrer verlässt als einer der ersten die Theke des Subway, den Arm voll mehrere Tüten belegter Baguettes und einem Softdrink der Größenordnung, wie sie bei uns nicht mal in Kinoketten ausgeschenkt werden. Die Übergewichtigkeit vieler Amerikaner:innen lässt sich beim besten Willen nicht wegsehen. Lebensmittel zu erwerben, die noch nicht durch eine unübersichtliche Maschinerie bis zur Unkenntlichkeit weiterverarbeitet sind, das setzt Bildung, ein höheres Einkommen, Zeit sowie Kochkenntnisse voraus. Etwas wozu die die Mehrzahl der Menschen hier im Land keinen Zugang hat. Und im vorherrschenden Angebot der Supermärkte sind „gesunde“ Lebensmittel selten bis gar nicht erhältlich.




Der Rest der Fahrt gleicht einer Nachtlinie im Ruhrgebiet. Rüdere Töne, Pöbeleien am Eintritt, der Fahrer verweigert einer Frau die Weiterfahrt, die offensichtlich über keinen gültigen Fahrschein verfügt. Im Losfahren steuert er seiner Sorge über mögliche schlechte Bewertungen der Fahrt mit einem Statement über den Lautsprecher entgegen. „Sie haben das alles ja hier gerade mitbekommen, die Beschimpfungen…“ Die Luft ist geschwängert von Erschöpfung mit einer Würze Verwahrlosung.
Detroit. Der Bus lässt uns hinaus und nimmt seine Fahrt nach Chicago auf. In der Wartehalle steht ein halbnackter Mann, er wechselt gerade seine Hose. Die ausgezogene liegt voller Kotze auf dem Wartesitz neben ihm. Vor ihm steht eine offene Kühlbox, sie seine Essensvorräte beherbergt. Neben ihm Schlafende, es ist nicht ersichtlich, ob sie sich wegen einer Busfahrt hier aufhalten, oder die Wartehalle ihre gewohnte nächtliche Herberge ist.
Das Taxi fährt los, ohne das Taxometer zu aktivieren. Dieter fragt nach. Der Fahrer erklärt uns etwas von Flatrate, von Detroiter Preisen und das die Fahrt mit offiziellem Zähler deutlich teurer würde. Die Fahrt indessen dauert fünf Minuten. 30 Dollar, er wedelt mit seinem Handy, auf dem er die Ziffer 47 aufgerufen hat. Das wäre der eigentliche Tarif. Wir geben auf. Don’t cry over spilled milk. Unsere Wohnung liegt in einer Art Hochsicherheitstrakt mit drei durch Handauflegung zu aktivierenden Zahlenkombinationsschlössern. Das offensichtlich historische Haus ist umgeben von breiten Ausfallstraßen, ausladenden Parkingslots. In der Ferne überragen Fabrikpaläste des frühen letzten Jahrhunderts die ansonsten flachen und in die Breite verstreuten Neubauten. Wir ahnen, was es heißt: Autostadt Detroit.

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