21. Oktober, noch 15 Tage bis zur Wahl
Früher als vor einem Langstreckenflug ohnehin nötig, sind wir aufgebrochen. Dieter aus Bonn, ich aus Wuppertal. Doch heute sind all unsere Anschlüsse der Bahn pünktlich – derzeit fast ein Wunder in Deutschland. Dagegen brach gestern Nacht der Internet-Checkin bei der Lufthansa nach einer wirren Stunde redundant aufpoppender Sperrigkeiten abrupt ab. Technische Probleme bei der Lufthansa. Sorry. Also das Ganze dann noch mal am Flughafen. Gut, dass wir so früh dran sind.
An den Schaltern der Lufthansa überall leere Stühle. Automaten stehen Spalier. Davor aufmerksam herumflanierende Angestellte. Sie nehmen den ratlosen Reisenden die erforderlichen Schritte höflich ab. May I? Beflissen und mit schnellen Tippbewegungen greift an unserer Seite vorbei eine Hand in die Tasten. Erstellt. Voila, your Boardingcard. Im Weitergehen stellen wir fest, dass die für uns gebuchten Plätze nicht einmal in Sichtweite zueinander liegen. Oh, sorry. Go to the counter. They will help to change it. Die Counter neben den Transportbändern sind ebenfalls ausgestorben. Das Aufgeben der Koffer wird dort erneut von verstreutem Personal assistiert. Hier ein verklemmtes Klebeband aus der Maschine ziehen, dort abschließend das Gewicht kontrollieren.
Warten in einer der steifen Sitzschalengruppen vorm Boarding. Einige schlafen, ihre Jacken um die Schultern gelegt. Langsam belebt sich das Gate mit Personal, die Digitalanzeigen bleiben noch dunkel. Der deutsche Lufthansaangestellte und ich sprechen höflich in schlechtem Englisch miteinander. Ich erkläre, aufgrund meiner Flugangst gerne close to my husband sitzen zu wollen. „Oh, I have about thousands seats to change“ kommentiert seine Kollegin neben ihm ironisch über die Schulter. Eine größere Reisegruppe ist unterwegs viele, sehr viele Wünsche sind zu erfüllen. Zwanzig Minuten vergehen. Die Kollegin wandert durch die Sitzschalen, sie sucht mich. „Wir haben sie schon ausgerufen“. Wirsch drückt sie mir zwei neue Karten in die Hand. Boarding wird in Gruppen aufgerufen, schön der Reihe nach. Erst die Erdbeergruppe, danach die Kirschgruppe. Das Flugzeug füllt sich auf diese Weise systematisch. Wir belegen nun nach der Korrektur zwei Sitze der allerletzten Reihe, dort, wo man den Stewardessen beim Pausentuscheln hinter den Trennvorhängen lauschen kann. So erfahren wir von einem Passagier an Bord, der dringend ärztliche Hilfe benötigt. Die Frau in unserer Dreierreihe dreht sich nach hinten zu ihnen um. I am Gynäcologist. Oh, Thank you but … Der kriselnde Mitreisende wird bereits durch einen anderen Arzt an Bord versorgt.
Sobald der Screen am Sitzplatz ein Lebenszeichen von sich gibt, starten fast alle Reisende einen Film. Die Sprachauswahl unserer Sitznachbarin lässt darauf schließen, dass sie Italienerin ist. Um ihren Mund herum hängt lose eine Atemschutzmaske. Postcoronazeiten. Die ersten Stunden des Flugs kühlt die Klimaanlage auf frühwinterliche Temperaturen herunter. Die Enge unserer Plätze lässt kaum Bewegungen zu. Mit nervösen Bewegungen wickelt die Nachbarin ihren Daumenmantel enger um sich, aus der fellumrandeten Kapuze über ihrem Kopf dringt willentlich hörbar ein „Cold, too cold“. Sorge liegt in der Luft. „I’m going to visit my son“, der an der Columbia University ein Stipendium begonnen hatte. Das strenge Zeitkorsett der Hochschule ließe ihm allerdings only little time for his mother, obwohl diese doch nur für ihn und einige wenige Tage einen Ozean überquere. Ein zweiter Sohn, der eigentlich heute mit im Flieger sitzen sollte, habe vergessen, zeitig seinen Pass zu erneuern. Deswegen reise sie nun allein. Bei laufendem Film blättert sie in einem Reiseführer. Womit könnte man sich tagsüber in New York die Zeit vertreiben? Im Geiste wartet sie schon auf den Abend, auf ihren Sohn. Einen Tag nur darf auch sie seine Hochschule betreten. Für diesen kurzen Besuch benötigt sie einen QR-Code, den ihr der Sohn bereits gemailt hat. In den USA, so fürchtet sie, I’ll have no longer access to my mail account! Wie kommt sie dennoch in die Colombia hinein? Stunde für Stunde schwindet hoch oben in der Luft die Hoffnung auf einen Tag in der Nähe ihres Sohnes. Wenigstens einen. Ihre Praxis liegt in Bozen. Lukrativ, aber sehr einsam. Die Menschen dort ziehen sich in ihre Häuser zurück, sagt sie. Grenzen sich ab. Ganz anders als in Italien. Das Gebläse bläst weiter Kälte in die Kabine.
Der Flug verläuft ruhig. Nach und nach wird es sogar wärmer. Schon zeigt der Horizont Lichter. Druck auf den Ohren. Harte Landung, wenig Rangiererei. Thank you for flying with Lufthansa. Die Schlange vor der Passkontrolle scheint zunächst entmutigend. Für die biologische Uhr geht’s bereits auf 3 Uhr nachts. Fingerprints, auch der Daumen bitte. Die allseits ängstlich bereitgehaltenen Ausdrucke der Einreisegenehmigung werden abgewunken. „We got you already“. Biometrische Gesichtserkennung, Namen … und alle weiteren Details sind bereits im Rechner. Keine Zollkontrolle, „Welcome to the United States of America“ und schon stehen wir am Ausgang, an dem sich große SUVs mehrreihig stauen um Ankömmlinge abzuholen. Hier in New York ist es noch früher Abend.

Gemeinsam mit der Ärztin nehmen wir ein Taxi, zunächst nach Brooklyn. Für sie geht es weiter nach Manhattan. Mit dem Fahrer ist Verständigung kaum möglich, eine dicke Covid-Plastikwand läßt neben Viren auch Sprachfetzen beiderseits abprallen. Draußen ziehen weiträumige, hell erleuchtete Großbaustellen vorbei, drinnen ziehen Werbeclips auf einem kleinen, in die Plastikwand eingelassenen Bildschirm magisch die Blicke auf sich. Vor allem Hundebabys, wechselweise aus Tierheimen oder beim Fressen flimmern uns Mitleid heischend an. Ein Nachklang der Covid-Zeit, während der vor allem in den Städten die Anzahl der Haustiere sprunghaft gestiegen war – und danach die der ausgesetzten.
Macon Street, Brooklyn. Wir zahlen das erste Mal in Dollar und stehen vor unserer abendlich stillen Unterkunft, einem der typischen Reihenhäuser mit steilen Treppen hoch zum klassizistischen Eingang. Mit einem Zahlencode gesicherte Kästchen hängen an den Gittern der Vorgärten. Darin die Haustürschlüssel. Nur vier Zahlen öffnen uns das Haus. Die Wohnungstüren darin sind auf allen Etagen unverschlossen: Hier lebt eine Hausgemeinschaft. Unsere Gastgeberin ist derzeit in Deutschland. Ob wir die Wohnung auch abschließen könnten? „Sorry” schreibt sie, “I even don’t remember where I have put the key.” Dieter dreht vor dem Schlafengehen draußen noch eine Runde und fotografiert. Nächtlich beleuchtete Vorgärten.

Kürbisse, Skelette, Zuckerwatte-Spinngeweb. Halloween ist nah. Die Wahl ist nah. In Deutschland wäre es nun 5:00 Uhr morgens, Zeit ein wenig auszuruhen.
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