29. Oktober, 7 Tage vor der Wahl
Im dritten Stock eines mit Marmor ausgetäfelten Treppenhauses, typisch für Hochhäuser der 1950er Jahre in Downtown, geht es zur Zentrale einer der hiesigen Gewerkschaften: SEIU. Natalie? Just a moment. Die Frau an der Rezeption lässt uns eine Weile allein. Genug Zeit, eine Schokolade aus dem Halloween-Körbchen zu nehmen und die vielen Tafeln im Entree zu studieren. Aufrufe, historische Errungenschaften der Unity’s sind hier zu sehen. Bemerkenswert, dass gerade im Kontext sozial engagierter Organisationen die sonst so bildmächtige, visuelle Sprache von Kunst und Werbung allzu häufig harmlos-naiven Bildmotiven weicht. Was auch mit dem Problem zu tun hat, dass sich bildende Künstler:innen mit anatomischer Darstellung von Menschen häufig schwertun – Menschen für soziale Themen aber zentral sein sollten … . Die gemalten Plakate muten an wie aus den 1970er Jahren entlehnt, einen Hauch gestrig.

Natalie begrüßt uns herzlich, es ist ihr anzumerken, mächtig unter Strom zu stehen. Ein angeregtes Gespräch unter den schon startbereiten Kolleg:innen erfüllt den Raum mit Gemurmel. Rund zwanzig Menschen werden für diese Tour von Tür zu Tür heute dabei sein. An der Wand zeigen zwei große Screens Nummern der jeweiligen Bezirke und die zugeordneten Zweiergruppen.


„Steve und Marla, these are your guides for today” stellt Natalie uns die beiden vor. “They both are the most experienced in canvassing”. Steves entschiedene, konkrete Einweisungen, Marlas humorvolle und warmherzige Offenheit machen uns den Einstieg leicht, sie nehmen unser Interesse als Wertschätzung ihres Engagements auf. Formsicher führt uns Steve in die versammelte Gruppe ein und bittet seine Kolleg:innen, sich ihrerseits vorzustellen. Das Mikrophon kreist: Einige schon seit über 20 Jahren gewerkschaftlich aktiv, die meisten zwischen fünf und 15 Jahren; knappe Einblicke in Erfahrungen beim „knocking on doors“, einige sind schon seit Monaten, andere einige Wochen dabei; viele der Statements von Emotionen getragen. „Motivation“ wäre ein zu schwaches Wort für ihr zeitaufwändiges, nicht immer gefahrloses Engagement. Der Aufbruch in die verbleibenden Stadtteile ist eine wahrhaftige Herzensangelegenheit, getragen vom brennenden Wunsch, in diesen letzten Tagen vor der Wahl das „Schlimmste zu verhindern“, komme was wolle. Canvassing kann beginnen. – Mehr zur politischen Idee und zum konkreten Vorgehen beim Canvassing unter dem folgenden Link. Das Video vermittelt auch Einblicke in den sozial-politischen, lokalen Kontext der früheren Stahl- und Bergarbeiterstadt Pittsburgh.
Das verfügbare Datenvolumen unserer Handys ist endgültig aufgebraucht, ohne jede Internetunterstützung sind wir nun auf menschliche Hilfe angewiesen, um zurück zu unserer Wohnung zu gelangen. Eine junge, dynamische Frau hilft uns weiter, auf deutsch. Sie studiere hier an einer der Universitäten Management, ursprünglich hätte die Liebe zum Sport sie in die USA verschlagen. Zielsicher nennt sie uns einen Mobileladen um die Ecke, wo sie ihrer Mutter für deren Besuch auch eine amerikanische Karte hat einrichten lassen. „No problem“ nuschelt die einsam hinterm Tresen sitzende Angestellte und schluckt den letzten Bissen ihres improvisierten lunch hinunter. Während Dieter sich beraten lässt, stürzt eine beleibte Frau ins Geschäft: „7 Day’s left guys“, ruft sie in die Runde und lässt sich auf einen der Hocker fallen. „May I charge my phone, Madam?“ Sie trägt eine magentafarbene Weste und ist ebenfalls in Sachen Canvassing unterwegs. Mit dieser Farbe würden jene gekennzeichnet, die ausschließlich für Mobilisierung und Unterstützung bei der Registrierung unterwegs sind. Dabei darf keine der Parteien genannt oder gar beworben werden. Busladungen von Menschen aus Michigan seien für diesen Job nach Pittsburgh gekarrt worden. Reise und Hotel würden bezahlt, viel Geld in die Hand genommen, much money. Nur, um die Menschen zur Wahlurne zu bewegen. Ob sie bereits gewählt habe? Sie hätte vor ihrem Umzug nach Kalifornien bewusst ihre Ummeldung dorthin verzögert, um nicht in eine administrative Lücke zu geraten, in der ihre Stimme dann womöglich verfallen wäre. Am 5. stehe sie schon um 6 am vom Wahllokal, anschließend sei sie mit ihrer Tochter weg, ab in den Westen.
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