25. Oktober, noch 11 Tage bis zur Wahl
Von wegen zwei Tage … Der Einkauf wird Teil unserer heutigen Reiseverpflegung, denn um 7:00 erreicht uns die Nachricht: nachfolgende Gäste in der Wohnung, heute. Uns bleiben wenige Stunden, um das neue Reiseziel festzulegen, Flug und Unterkunft zu buchen, zu packen und abzureisen. Wohin? Aus Pennsylvania ist auf Dieters Interview-Anfragen bisher keine Antwort erfolgt. Dennoch fällt aufgrund anschließender Planungen für Detroit und mit Blick auf die zu überwindenden Distanzen schlussendlich die Wahl auf: Pittsburgh.
Pennsylvania wird also unser erster Swing State. Das nun betretene battle field der unübersichtlichen Buchungsmenüs, zu erstellenden Passwörter, zu bestätigenden Zahlencodes und stockender Kreditkartenverifizierungen frisst Stunde um Stunde. Knapp vor Ankunft der Nachfolger verlassen wir das Haus. In der Subway herrscht ein wenig Verwirrung, Baustellen ändern die Fahrtrouten über Nacht, und die Linie A hat je nach Takt andere Endhaltestellen, Zwei ohnehin unterbeschäftigt wirkende Police Officers nehmen sich unser an. Uns in den richtigen Zug zu setzen, ist ihr nächstes Tagesziel. Der eine berichtet, er sei aus Bangladesch hier nach NYC gekommen, vor etlichen Jahren. Gewöhnen könne er sich nicht an diese Hektik, den Lärm: „New York is crazy“, aus seinem Mund klingt das nicht gerade wie ein Kompliment.

JFK. Die Sicherheitsvorkehrungen im Inland übertreffen jene der Einreise aus fernen Ländern bei weitem. Hier müssen sogar die Schuhe aus, Obst wandert auf Extraschalen durch das Röntgenband. Dabei scheint es bei Inlandflügen, als steige man in einen klapprigen Linienbus. Tische haken, Sitze sind abgewetzt, kein Unterhaltungsprogramm, ein müdes Getränk, ein Tütchen „Prezeln“, anschnallen, und wenig später befinden wir uns im Landeanflug.
Wie weiter? Die App zeigt uns auf den letzten Metern unseres Datenvolumens einen Bus an. Mit dem es dann zunächst Richtung Downtown geht. Im bleichen Licht der Haltestelle sitzt auf der Wartebank eine ältere Frau, neben sich ein paar Krücken, an die sie ihre Einkäufe gezurrt hat. Auf die Frage, ob unsere Linie denn auch von hier starte, überrascht sie uns mit einer Pracht-Ode auf den öffentlichen Verkehr der Stadt: Das Bussystem in Pittsburgh wäre unschlagbar. Sie nutze es seit ihrem vierten Lebensjahr. Ausgebaut bis in die letzten Winkel der Stadt. Dann behindertengerechte Gestaltung der Fahrzeuge: Neigehydraulik, ausfahrbare Rampen, umklappbare Sitze, Sicherheitsgurte für Rollstuhlfahrer, Plätze für Menschen mit Krücken – alles den Bedarfen der zugestiegenen Fahrgäste anzupassen. Und nicht nur das: Als Nächstes hätte man sich die Displays vorgenommen. Nun könne man den Streckenverlauf studieren, um sich auf das Aussteigen vorzubereiten. Hinzu komme eine Hotline der Stadt, an deren Leitungen alle Fragen zu Fahrplänen, Umsteigemöglichkeiten und Verbindungskonzeptionen freundlich beantwortet werden. Und das von echten Menschen. Sie zeigt uns eine App mit jeder Menge bunt gestalteter Klötzchen. Diese benutzt hier fast jeder. Um ihren Hals hängt eine laminierte Karte, mit der sie begeistert herumwedelt. Für 2,75 könne man damit ganze drei Stunden in alle Busse der Stadt ganz ohne Bedenken einsteigen. 3 volle Stunden – und das in alle Richtungen! In Supermärkten und an den Automaten seien diese aufladbaren Rohlinge umstandslos erhältlich. Im Bus bar zu zahlen, das ginge nur passend, Wechselgeld wird einbehalten.
Wir kommen auf die Wahl, ein guter Moment. Das wirkt wie der Anstich in ein Fass. Ihre beste Kindergartenfreundin sei Trumpwählerin. Ausgerechnet. Auch wenn sie persönlich so manches Statement von Trump überzeugen könne – ganz ehrlich – irgendetwas stimme mit diesem Mann doch nicht! Er rede zu viel Unsinn daher, und dabei ginge es doch um Vertrauen, nicht mehr und nicht weniger. Das Geld hätte das Ruder über die gesamte Politik übernommen und: „You don’t slaughter your cattles, don‘t you?“ Typen wie Trump aber nutzten die Menschen aus zur persönlichen Bereicherung. „If you take care of the cent, the dollar will take care of you”. Noch im Ausstieg ruft sie uns zu: “It is all about trust!”

In Downtown spuckt uns der Bus aus. Die Kulisse der Skyscraper ähnelt der von New York, und, wenn auch ein paar dutzend Stockwerke niedriger, immer noch gigantisch genug, um uns Europäer zu beeindrucken. Die kargen Grüppchen auf städtischen Stufen zwischen den glatten Fassaden geschlossener Banken, Warenhäusern und Bürogebäuden, wo sie sich plaudernd aufhalten, haben um diese Uhrzeit wiederum etwas Kleinstädtisches, fast Dörfliches an sich.
Unser Internetzugang ist nun blockiert, das Roamingkontingent endgültig überzogen. Ein junger Mann im Kochdress raucht vor der Tür. Dustin, stellt er sich vor, wie Dustin Hoffman nur nicht so klein. Dustin googelt uns in Windeseile die erforderlichen Busverbindungen. Als wir Fotos von seinem Handyscreen machen, begreift er erst unsere Lage. „If I were you I already would have had a nervous breakdown” kommentiert er mitfühlend wie fassungslos unsere Weblosigkeit. “If you come in this restaurant to eat” ruft er uns hinterher, “just ask for Dustin”. Die Busfahrt führt uns über Hügel und Hügel. Die Topografie von Pittsburgh erinnert an Wuppertal oder Stuttgart: steile Straßenzüge geben hier immer wieder erneut überraschende Ausblicke auf weitere Viertel frei. Ab und zu erheischt man zwischen Bebauungslücken den Blick auf die imposante Skyline. Unten vor Downtown spannen sich weite Stahlbrücken über die legendären zwei Flüsse, deren zusammenströmenden Wasserwege im Zusammenspiel mit den kohlereichen Minen der Stadt in Zeiten der boomenden Stahlindustrie alle Voraussetzungen für eine prosperierende Wirtschaft schenkten. Diese Zeiten sind lang vorbei. Von der Endhaltestelle aus rumpeln unsere Rollkoffer durch die stillen Straßen einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Ein hölzernes Häuschen nach dem anderen reiht sich hier aneinander, unsere Herberge ist eines davon. Mit der Taschenlampe machen wir uns an eine weitere Zahlenkombination, um ins Hauses zu gelangen. Gab es in NY noch Schlüssel, so basiert hier alles auf einer routinierten Bewegungsabfolge aus tippen, warten, drehen, ziehen oder drücken. Ist man dabei nicht schnell genug, blinkt das jeweilige Display abweisend und fällt zurück in unbeleuchtete Agonie. Erst nach sorgfältigem Abarbeiten der Airbnb-step by steps erhalten wir Zutritt. Im Flur steht ein Gerät, das laute Regengeräusche von sich gibt. Wann immer wir in den nächsten Tagen an ihm vorbeikommen, dimmen wir das Geplätscher herunter, um später festzustellen, dass sich im Haus wohl eine Person befindet, der das elektronische Rauschen hingegen Freude bereitet. Oder ist das eine uns unbekannte akustische Abwehr von Schädlingen?

Aus dem Fenster der Mansarde schauen wir auf vier aufragende Schornsteine und einen imposanten Gebäuderiegel aus den goldenen Jahren der Stahlproduktion.
Welcome to Pittsburgh, one of the most important Swing States 2024.
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