28. Oktober, noch 8 Tage bis zur Wahl
Heute ist die Ruhe vor dem Sturm. Für Morgen haben wir die Bestätigung bekommen, uns an der Seite von GewerkschafterInnen an einem Canvassing-Einsatz beteiligen zu können. Also höchste Zeit, heute alles für unsere anschließende Weiterfahrt nach Detroit zu regeln. Reise, Unterkunft, weitere Termine, Einkäufe für die Fahrt. Vor dem Supermarkt steht in der Dämmerung ein Duo mit einem Pappkarton in den Händen. Darin die neueste Ausgabe der Zeitschrift „The Communist “ Von Weitem erinnern sie – in Zivilkleidung und damit im Kontrast zu den poppig uniformierten Westen der offiziellen Wahlkampagnen – an unsere Erwachet! Verkäufer am Bahnhof. Die beiden sprechen alle Kunden, die hinaus- oder hineingehen persönlich an. Ihr Appell lautet, keine der beiden Parteien zu wählen, Stimmzettel ungültig machen! Jeff, Vollbart, längere Haare, also Stereotyp des Berufsrevolutionärs, argumentiert wie mit internalisierten Zitaten aus dem „Kapital“. Ob ich eine Zeitung kaufen möchte, 5 Dollar. Leider kein Wechselgeld. Ich verspreche, nach dem Einkauf mit den passenden Scheinen zurückzukommen und lege das schmale Blättchen zurück in den Pappkarton. War das jetzt einer der Kommunisten, vor denen Trump seine Wähler warnt?

Im Supermarkt bin ich mit meiner Einkaufsliste verloren. Im Regal steht 3 Meter Ware mit dem Vermerk „Oat“ auf der Packung, aber schlichte Haferflocken – ohne Candy, Cinamon oder gar einer Aufbereitung als Backmischung – sind einfach nicht zu haben. Ein älterer zahnloser Mann mit dicht tätowierten Armen faltet in der Nähe Pappkartons zusammen. Er arbeitet hier auch nach der Verrentung täglich weiter, es mache ja keinen Sinn zuhause Däumchen zu drehen. Außerdem, bei der königlichen Bezahlung hier … Er lacht laut und führt mich wie ein Scout zu Küchenmesser, Feuerzeug, Rosinen und anderen relativ unaufgeregten Produkten, die zu finden mich hier Stunden gekostet hätte. Nein, wählen ginge er nicht. Die da oben würden sich eh nicht für Menschen wie ihn interessieren oder gar ins Zeug legen. Er hätte bis unten nach Texas in vielen Staaten der USA gearbeitet, aber über den „big ocean“ hätte er es nie geschafft. Zuviel Angst vor dem Wasser. In Amerika würde man sich bis heute an das Schicksal der Titanic erinnern und: in ein Flugzeug steigen, no way. Aber weiter davon träumen, das täte er schon. Gestern, erzählt er mir begeistert, gestern hätte er sich zwischen den Regalen bereits mit einem Australier unterhalten. Und heute Germany. Fast ein „run“. Er ist sehr zufrieden, verabschiedet sich überschwänglich. An der Kasse herrscht Stress, die Verkäuferin ist nicht an ihrem Platz, wird mehrfach ausgerufen. Auf meine Beschwichtigung „no stress“ hin faucht die Vorarbeiterin, den Stress den würde sie bekommen, da sie für die Reibungslosigkeit der Kassen verantwortlich gemacht würde, und die Abwesende wäre unglücklicherweise „ihre“ Kassiererin. Wütend schwenkt sie sich selber hinter die Kasse und knallt die Summen in die Tasten. Der Druck von oben fährt selbst mir in die Knochen. Ob hier wohl Kameras installiert sind? Die Kommunisten vor der Tür sind mittlerweile verschwunden. Der Verkäufer hat mir für den Kauf von Bier eine Eckkneipe empfohlen. Bei meinem Eintritt flimmert auf vier ausladenden Großbildschirmen gleichzeitig die Simultanübertragung eines Baseballspiels. Die breiten, ineinander verkeilten Schultern erhellen flackernd mit ihren schneeweißen Shirts den ansonsten schummrigen Raum. Am Tresen sitzen nur vereinzelt Männer, hinter der Theke hantiert eine hagere Frau Mitte dreißig mit leeren Flaschen. Ich frage nach hiesigen Biersorten, sie ertastet anhand der ihr geläufigen Importprodukte meine Geschmacksrichtung. Heinicken? Stella? Becks? OK, I’ve got an idea for you. Sie packt ein ortstypisches Sixpack aus sechs Sorten, derweil plaudere ich mit dem jungen Mann neben mir. Er hat seinen Wahlzettel bereits abgegeben. Jetzt vermeidet er konsequent jede Form von Nachrichten. Man kann eh nichts ändern. Angst aber macht das alles dennoch. Have a nice Evening. You too. Die Temperaturen auf dem Heimweg gleichen denen eines Augustabends. Grillen zirpen. In der Ferne glitzert Downtown.

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