22.Oktober, noch 14 Tage bis zur Wahl
Good Morning America. Die neue Zeitzone schenkt allen Reisenden in Richtung Westen einen „gegenkorrigierten“ Tagesbeginn. Gälte die deutsche Uhrzeit, hätten wir bereits die Hälfte des Tages verschlafen. Eine sonnige Wohnküche. WLAN, die erste Suche im Netz: „Kann man dem Trinkwasser in New York trauen?“ Oberster Eintrag: „Wisst ihr eigentlich, wie viele verschiedene Schadstoffe man im Trinkwasser von NY …“ Wir wechseln zu den offiziellen Seiten der Stadt und setzen den Tee auf. Mit Wasser aus der Leitung.
Maggie, Künstlerin und Mitbewohnerin hier im Haus postet uns vorsichtig eine SMS: Welcome. Und eine Einladung: Heute Abend gibt es in der Gemeinschaftsküche unten im Souterrain ein get-together der Bewohner des Hauses. Ein guter Einstand. Jetzt aber erstmal Frühstücken. Dieter berichtet von seiner abendlichen Erkundung: um die Ecke gibt es wohl ein paar kleinere Lebensmittelläden. Ich mache mich auf den Weg, doch die Läden haben geschlossen, sind teilweise vernagelt.

Ein paar Blocks weiter die Filiale einer stadtweiten Kette, fast in jedem Block zu finden: Glorious „Deli“ lädt ein. Durch eine Lücke des bis zur Decke gestapelten American food, schaut das freundliche Gesicht eines Verkäufers mit Turban. Er liest in meiner translation app. Haferflocken? Yes, maybe. Nach einer Umschichtung der Türme bunt bedruckter Plastiktütchen fördert er unter Bergen von Genussmitteln auch Grundnahrungsmittel zutage. Später starte ich einen zweiten Anlauf. Diesmal suche ich eine Flasche Wein für den Einstand heute Abend. Alkohol? No Alkohol. Die meisten kleineren Lädchen bieten derlei nicht an. Supermarket?
Die Wegbeschreibungen der Passanten zeigen: Englisch ist oft nicht ihre Muttersprache, sondern nur Vehikel zur Verständigung im babylonischen Nebel der Großstadt. Offene und freundliche Gesichter, kurze Wortwechsel. Ich stoße auf einen üppig bestückten Supermarkt. Das Weinregal dort bietet sechs verschiedene Flaschen amerikanischer Produzenten, zwei davon Besorgnis erregende Mixturen, auf deren Etiketten verdächtig pralle Trauben prangen. Ein paar Meter weiter ein großer, begehbarer Kühlraum mit unzähligen Biersorten verschiedenster Provenienz. Zurück zum Weinregal. Ein Californischer könnte gut sein, America first.

Noch ist ein wenig Zeit, wir konzipieren Interview-Fragen für den morgigen Termin mit einem der Herausgeber des Magazins JACOBIN. Geräusche aus der Gemeinschaftsküche signalisieren erste Kochaktivitäten. Rechner zu und auf geht’s. Maggie und ihre Tochter Vera stehen schon in der Küchenzeile zwischen Rosenkohl, Süßkartoffeln und anderen auf Blechen verteilten Gemüsen. Vera ist erst seit ein paar Tagen zurück in New York, nachdem sie vorher auf dem Land nördlich der Stadt gearbeitet hat. Morgen muss sie früh raus, um sich auf eine Stelle in einer Bäckerei zu bewerben. Der Weg dorthin dauert fast 1 Stunde, und sie vermutet, dass es schwer würde, die Stelle zu bekommen. Eine Freundin aus Maine ist auch zu Besuch. Sie nächtigt in einem weiteren dieser offenen Appartements irgendwo im Haus. Im Sitzbereich des Souterrains liegen viele Dinge verstreut, darunter Bücher, Kleidung und Kisten. Ein paar der Bände hat Maggie vor dem Haus an den Gartenzaun gelegt, und einige fanden im Verlaufe des Tages Liebhaber. Sie ist glücklich über das Interesse und die elegante Form, sich auf diese Weise eines Zuviels an Besitz zu entledigen. David, ein weiterer temporärer Bewohner des Hauses, präpariert ein Hähnchen. Er arbeitet in einer Firma, spezialisiert auf die Restaurierung des Interieurs denkmalgeschützter Gebäude und zeigt auf seinem Handy mannshohe Kronenleuchter, Kaskaden aus Glasperlen und glitzernden Stäben, seine derzeitigen instand zusetzenden Objekte. Sie entstammen der üppigen Deckendekoration im Foyer eines Grandhotels, Chicago. Welch weltläufige Pracht einer jungen, aufstrebenden Wirtschaftsmacht aus diesen üppigen Dekorationen atmet! Maggie springt auf. Unter den Kisten auf dem Sofa zieht sie einen kleinen Karton mit einem Lampenschirm in Form einer kompakten Weintraube. Aus grünen Glaskugeln zusammengesetzt mit komplizierten Eisenranken dekoriert, atmet ihre Gestaltung die Eleganz der europäischen Jahrhundertwende. Diese rettet das Motiv aus der Banalität von Etiketten schlechter Weine in schummrigen Pizzerien und macht aus ihr eine skurrile, antiquarische Rarität. David gibt Hinweise zur Wiederherstellung der Lampe und verspricht Maggie, ein paar der abgebrochenen Blätter wieder anzulöten, Maggie ist begeistert, obwohl sie eingesteht, dass eine solchen Lampe eigentlich gar nicht ins Haus paßt. Dinge halt. Aber noch landet die Lampe nicht am Gartenzaun.
Mittlerweile ist Yftach eingetroffen, Maggies Mann und Veras Vater. Beim gemeinsamen Essen tauchen wir ein in das Thema der bevorstehenden Wahl. Yftach ist in der IT Branche tätig und gewerkschaftlich aktiv. Er berichtet von Reisen nach Michigan, um dort von Tür zu Tür um Stimmen zu werben. Maggie berichtet ihrerseits von den jüngsten Aktivitäten als Wahlhelferin. Die ihr ausgehändigte Liste vermeintlicher „Nichtwähler“ in North Carolina, die sie telefonisch zum Gang an die Wahlurne motivieren soll, sei aber in vielen Fällen fehlerhaft gewesen. So sei sie mit etlichen Trump Wählern in unerfreuliche Diskussionen verwickelt worden. Anstrengend und sicherlich das letzte Mal, dass sie sich in dieser Form engagieren wolle. Unter den ihr nahestehenden Menschen gäbe es keine Trumpwähler. Generell blieben sich die politischen Lager im normalen Leben eher fremd. Bis auf wenige Ausnahmen, wie sie am Beispiel ihres eigenen Sohnes Adam berichten, der eine ausgesprochen linksorientierte Haltung einnehme. Aufgrund Trumps Versprechen, nach gewonnener Wahl die Unterstützung des Krieg in Gaza sowie des Ukrainekrieges zu beenden, überlege Adam, sein Kreuz bei Trump zu machen. Erstaunlich. Could you explain this? Für Maggie wird es zu kompliziert, die Begründungsfiguren adäquat wiederzugeben. Just ask Adam himself, please, he lives nearby.
Die Gesprächsthemen am Tisch mäandern weiter. Wie steht es mit Reisen? Wer war schon einmal in Deutschland? Ja, Berlin und München sind bekannt, Leipzig auch. Vera schwärmt von Tirol, dorthin würde sie so gern einmal zurückkehren! Herrliche Landschaft und: so nette Menschen! Ich muss an die italienische Gynäkologin von gestern denken. Wir sprechen über Gerüchte, die schwer ohne Kontakte zum anderen Land zu verifizieren sind. Ist in Deutschland ist das Mitführen von einem Personalausweis Pflicht? In den USA hat in der Regel keiner seine Papiere dabei. Auch, weil ein großer Teil der Amerikaner:innen gar keinen Pass besitzt. Man könne hier ja weit reisen, bevor man auf Landesgrenzen stoße.

Völlig konträr dazu ihre Grenzerfahrungen in Europa. Vor vielen Jahren teilte ich das Zugabteil mit einer Gruppe amerikanischer Stipendiaten, die von München nach Venedig und von dort weiter nach Prag fuhren. Über den auf dem Oktoberfest entwendeten Maßkrug, heiter und lautstark immer neu mit Bier befüllt, kamen wir ins Gespräch. Es kreiste zunächst um Europa, um Spülbecken ohne Häcksler, das Geschirrwaschen mit der Hand – und ohne Gummihandschuhe! Das schien sie an Italien besonders zu irritieren. Euphorie gemischt mit Anspannung beflügelte die Unterhaltung, denn ihre Reise entwickelte sich gerade zu einem illegal verlängerten Wochenende. Homebase ihres Auslandstudiums war Rom, wo zeitlich überzogener Ausgang im Institut schwer geahndet wurde. Seit zwei Tagen befanden sie sich weit über ihren Zeitplan hinaus größtenteils in Zugabteilen. Deren Enge waren sie schon von ihrer römischen Herberge gewohnt und betrübte sie keinesfalls. Aufgebrochen aus ihrer gleichfalls engen Lerndisziplin hofften sie, halb Europa mit allen dazugehörigen Sehenswürdigkeiten in vier bis fünf Tagen abzuhaken. Jetzt liessen sie sich assoziativ treiben berauscht von den wenigen Stunden, die zwischen Amsterdam, Brüssel oder Paris lagen. Alles unvorstellbar nahe! Auf mein erkennbares Entsetzen über dieses Unterfangen rechneten sie mir in Kilometern vor, wie weit man damit in Amerika käme, und welche kulturellen Schätze dort auf dem Weg liegen würden. – Und umgekehrt schienen sie schockiert, als ich mich ich mich zwischendurch mit dem Schaffner auf italienisch zu verständigte. Drei Sprachen? In ihrem Land sprächen die meisten Menschen ausschließlich englisch. Wozu auch die Mühe, wenn jedem ein ganzer Kontinent damit offensteht.
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