24.Oktober, noch 12 Tage bis zur Wahl
Für ein paar frühe Sonnenstrahlen setze ich mich in den verwaisten Gemeinschaftsgarten hinterm Haus. Viele Vögel sind zu hören, einige zu sehen, mir bekannt keine. Eine Vogelstimmen-App zeigt mir den prachtvollen Blauhäher – in ganz Nordamerika heimisch wie bei uns der Eichelhäher, der sich lautstark bemerkbar macht, sich in seinem Prachtgefieder aber nicht blicken lässt.

Maggi schüttet ihren Kompost in eine aufwändig gehängte Trommel, die einzige Methode, der Rattenplage Herr zu werden. Mit angeekeltem Gesicht skizziert sie mit den Händen die Größe der hiesigen Exemplare. Beim darauffolgenden Gang durch Brooklyn auf der Suche nach einem Geldautomaten fallen mir nun die zahlreichen Schilder in den Vorgärten ins Auge, die vor Gift und Ködern warnen. Bizarr, neben den mehr und mehr hervorsprießenden Gespenstern, Spinnen und den Skeletten, die mittlerweile überall herumlungern.

Der erste ergoogelte Automat steht ein paar Straßen weiter. Ein schleichender atmosphärischer Wechsel: Mehr Händlertischchen, mehr entrückte stand alones, mit Drogenblick an verrammelte Ladenfassaden gelehnt. Ich bleibe einen Moment stehen und merke erst jetzt, die einzige white person weit und breit zu sein. Ich verirre mich und es ist hier schwer, einen Menschen anzuhalten. Mit kurzem Kopfschütteln eilen sie weiter, als ob ich sie anbetteln wollte. Erst an einer roten Ampel erbarmt sich ein junger Mann und seine Beschreibung führt zum ATM, jener Sorte Geldautomaten, die hier in Geschäften untergebracht und nachts somit nicht dem Vandalismus ausgesetzt sind. Aber die Maschine verweigert meine Karte. Oh sorry, it’s broken. Ohne Dollars kein Einkauf. “Where can I find the next one?” Der steht in einer über und über mit rosa Wattegewebe verhangenen Pharmacy, die asiatische Verkäuferin nickt mir aus der Ferne durch die Halloweenfäden freundlich zu. Diesmal klappt‘s.

Jetzt fehlt nur noch ein Laden, der mehr bietet als Chips, Kaugummi, Softdrinks, Kuchenportiönchen und Cracker. Hier ist er – ein wahres Gemüse-Eldorado. Die Paprika aus Holland, auch die Äpfel Importware. Warum kommt mir das hier merkwürdig vor, wo doch daheim Waren aus Israel, Brasilien und Chile im Regal liegen? Der Preis einer Grapefruit beträgt hier 6 Dollar. Auffällig sind die fünf verschiedenen Bananensorten, die sicherlich auch nicht in den USA geerntet wurden offensichtlich aber wichtiger Teil der Esskultur im Viertel sind. Preise umwerfend hoch, Verpackungsgrößen für Großfamilien und Prepper designt. Vor der Käsetheke, deren Preisschilder mich fast umhauen, versuche ich eine Frau anzusprechen, die sich gerade 2 Käsestücke in den Korb legt. Auch sie zuckt im ersten Moment zusammen und will schon gehen, als mir einfällt ihr zuzurufen ich sei „from Germany“. Sofort kehrt sie neugierig zurück und wir verwickeln uns in a women’s talk über hohe Lebenshaltungskosten. Wie kann sich der durchschnittliche Amerikaner diese Käsepreise leisten, „don‘t the Americans love cheese?“ „Yes, they are very keen on cheese, especially baked cheese!” Am Ende legt sie mir mütterlich ein Sonderangebot in den Korb, „2 for the price of 1“, die gleiche Ware, die auch sie gewählt hat. Thank you so much for helping! Schon ist ein Viertel der abgehobenen Dollar wieder zurück im Kreislauf des Geldes – nur für einen Einkauf, der uns nicht mal über zwei Tage bringt.
Schreibe einen Kommentar