23.Oktober, noch 13 Tage bis zur Wahl
Wir sind viel zu spät dran. Grund ist unser Irrglaube, man könne in NY Entfernungen mithilfe eines Straßennamens googeln. Manche Straßen aber durchschneiden über kilometerweite Stecken ganze Viertel. Bushaltestellen haben daher häufig Doppelnamen. Nur die jeweilig angrenzenden Querstraßen ermöglichen Orientierung. Uns bleibt eine halbe Stunde zum Termin bei dem Herausgeber des JACOBIN, einer der größten Zeitschriften der Linken im Land. „Sorry, we’ll be a bit late”. Zügig kommt der Bus. Tickets? Hier im Bus kann man sie nicht lösen. „You can get your tickets in the sub or at the kiosk“. Der Fahrer blickt in unsere entmutigten Gesichter, „please get in so that the door can close“ Erleichtert lassen wir uns auf die Sitze fallen. Brooklyn ist groß, viel größer als das karierte Tischdeckchen auf der Landkarte vermuten lässt. Geschlossene angerußte Backsteinfassaden, grafisch eng verwoben mit dem charakteristischen Zickzack der metallenen Feuerleitern, die die Straßenzüge flankieren. Fabrikmauern, Leitungsmaste, Shops, People … Endlich angekommen, aber der Eingang zur Redaktion ist nicht auszumachen, Hausnummer korrekt, weit und breit aber weder Klingeln noch Namensschilder. Wir klopfen an eine beschlagene Glastüre, im Dunkel des tiefen Raumes Schemen von Youngsters an Rechnern. Einer löst sich und kommt zur Türe, „JACOBIN? SORRY, never heard of it“. Im gleichen Moment, Dieter hat nochmal angerufen, öffnet sich überraschend eine andere Tür neben uns: „Dieter? Micah? Welcome, get in.“ Wir steigen ein schmales Treppenhaus hoch in die lichten Redaktionsräume. Unser Interview beginnt.
Interview mit Micah Uetricht JACOBIN (coming soon)

Als nächstes ein Termin mit der DSA, New York. Die Democratic Socialists of America, sind eine Organisation, der stark auf außerparlamentarische Bewegungen setzt und die zugleich aber auch Kandidaten als Independants auf Listen der Demokratischen Partei zu Wahlen auf verschiedenen Ebenen antreten läßt (Senat, Repräsentantenhaus auf Bundes- und auf Kongressebene) antreten läßt.
Nach langen Versuchen einer Kontaktaufnahme zu den DSA New York nun kurzfristig die Zusage: 3 pm, meeting Gustavo, an einem Brunnen im City Hall Park, Manhattan. Ein Brunnen? Wir hören es in unseren Tonaufnahmen schon plätschern und rauschen. Aber vielleicht werden wir dort ja nur abgeholt. Also auf nach Manhattan. Gustavo erweist sich als schlanker Mittdreissiger mit südamerikanischen Zügen. Wenig später stößt auch Arielle zu uns, eine zierliche junge Frau mit dickwandigen Brillengläsern, langem lockigem Haar, ihre äußere Erscheinung verweist in Richtung naher Osten. Gustavo hat mehr oder weniger nur den Hinweis erhalten, zwei Deutsche wollten ihn sprechen. Dieters ausformulierte Informationen über unser Projekts haben die Weiterleitungskette von Anhängen nicht überlebt. Wir erläutern also nochmal Hintergründe, unser Interesse etc., während aus der Ferne Trillern, Johlen und Musik zunehmen. Ich denke wieder an die Tonspur. Gustavo ist sich nicht sicher: entweder eine Demo pro Harris, oder aber die Feier des Sieges der US Basketball Frauen. Beides schein ihn gleichermaßen wenig zu interessieren. „So: Ask me your questions.“

Wir äußern den Wunsch nach einem etwas ruhigeren Ort, und die beiden führen uns über einige Kreuzungen hinweg zu einem Straßencafe: „It’s ok here?“ Einen Meter neben den Plastikstuhlinseln donnert der Verkehr vorbei. Im nächsten Lokal spielt laute Musik. Ich erläutere noch einmal kurz die Problematik der Anschlüsse im Film. Film? Arielle schaut entgeistert zu Gustavo. Ein Hauch Frost zieht in die Konversation ein. Wir müssten verstehen, die DAS verträten in Teilen ganz andere Positionen als die ihren, allem voran in der derzeitigen Debatte um Gaza. Sie, Arielle hätte palästinensische Wurzeln und auf den Demonstrationen in den hiesigen Universitäten teilgenommen … Ratlosigkeit. Die beiden erbitten sich eine Denkpause und verschwinden für ein paar Minuten nach draußen. Nach Rückkehr steht ihre Entscheidung: no film, no recording. Dann eben ein Gespräch. Wir setzen uns an einen Tisch im ruhigeren Teil des Cafés, aber nahe der Speisenzubereitung. Neben meinem Ohr rührt ein Mixer im Dauerbetrieb. New York, the city that never sleeps. Wie auch bei dem Lärm, denke ich, und schlage mein Notizbuch auf.
23.10.2024 15:30
Interview mit Gustavo (Arielle) in einem Cafe, Manhattan NY
Dieter: Die DSA unterstützt Harris. Was wird aus den Forderungen und Themen der Linken, die mit dieser Unterstützung verbunden werden, nach der Wahl? Was wird aus einem derartigen Deal?
Gustavo: Für die DSA trifft das nicht zu – mit uns gibt keinen derartigen Deal. Wir unterstützen schlichtweg die Gegenposition zu Trump, keine Kampagne für Harris. So gibt es auch keine Forderungen, weder für ein Waffenembargo noch bezüglich des derzeitigen Palästinagenozids in Gaza. Proact beispielsweise agiert für das Recht auf Selbstorganisation. AOC setzt sich für Themen ein wie social housing. Die Organisationen wählen Delegierte (voting uncommitted delegates). Das bedeutet in der Realität aber nur eine Anerkennung, jedoch keine politische Repräsentanz von Organisationen wie DSA und Proact.
Dieter: Wie steht es um die Positionen der Linken in den umkämpften Swing States?
Gustavo: In den Swing States werden die aufwändigsten Wahlkampagnen überhaupt betrieben. In Michigan beispielsweise hat die Bevölkerung einen sehr hohen Anteil an Einwohnern arabischer Herkunft. Auch ist der Anteil jüdischer Bevölkerung deutlich höher als in Europa. In Wahlkampagnen investiert die eine Seite 2 Mio Dollar, die andere ganze 50 Mio. Und das, um die Stimmen von etwa 8.000 Personen zu gewinnen. Diese Investitionen muss man mal pro Kopf ausrechnen. Es übertrifft die Ausgaben von ganz Großbritannien für eine Wahl. Und diese Kampagnen werden unter anderem auch von Steuergeldern finanziert.
//2012 Citizen-Bewegung für Hillary Clinton//
Es gibt durchaus Initiativen die dafür kämpfen, Wahlbudgets generell zu limitieren. Aber Personen wie Musk hält so etwas nicht auf. Für ihn wäre, wie für Trump, ein Verstoß gegen dererlei Regeln nur ein weiterer unbedeutender Prozess, mehr nicht.
Dieter: Es kursiert die These, dass die Position von Trump die Linke stärke.
Gustavo: Einige wenige Accelerationists auf Seiten der Linken kippen hier und da sogar Richtung Trump, die DSA steht grundsätzlich aber klar gegen ihn. Nach fünf Jahren Wahlkampf ist die Stimmung ziemlich demoralisiert. Einige Mitglieder der Gewerkschaften unterstützen mittlerweile sogar Trump. Die Gewerkschaftsführer haben vielerorts der Kontakt zur Basis verloren. So stimmt beispielsweise John Fayn gegen die Republikaner, die Mitglieder seiner Gewerkschaft hingegen voten für Trump. Insgesamt ist die Position der Gewerkschaften sehr schwach, und das könnte in der Wahl den Ausschlag geben. In North Carolina, einem wichtigen Swing State, gibt es praktisch gar keine Gewerkschaften.
Dieter: Wird im Kontext der Agenda 2025 in den USA über das Risiko einer Entwicklung hin zum Faschismus diskutiert?
Gustavo: Eine Faschismusdebatte existiert, wenn überhaupt, im linken Flügel. Der Rechtsruck ist eine Antwort gegen den jetzigen Staat. Auch wenn der Kongress die Demokraten bestätigen wird, ist die Regierung Harris noch lange nicht „demokratisch“. Und für die nächste Wahl halten die Republikaner durchaus starke „Ersatzmänner“ für Trump bereit. Insgesamt herrscht generell die Stimmung vor, die Demokratie hätte versagt und der Kapitalismus gesiegt. Sollten die Gerichtsbarkeiten politisch gekippt werden, dann geht die Linke in die Revolution. Nur ein gespaltener Kongress könnte diese Machenschaften von Trump dann noch ausbremsen. NY würde bei derartigen Schritten in massive Opposition gehen, andere Staaten wie Kalifornien ebenso.
Dieter: Vielen Dank für eure Zeit und das interessante Gespräch.
Die beiden verlassen das Café. Im unberührten Getränk von Arielle schwimmen geschmolzene Eiswürfel. Wir bleiben einen Moment sitzen. Was, wenn auch kommende Interviews unter Hürden von Ängstlichkeit nur in einem Protokoll enden? Sind es die medialen Kollateralschäden der sozialen Netzwerke, von denen diese Generation heimgesucht ist? Oder ist es eine Zerrissenheit linker Bewegungen, die hier sichtbar wird? Schwer einzuordnen. Wir machen uns auf zur Subway. Hier geht grad gar nichts mehr, Arzteinsatz und die Reisenden machen sich sukzessive wieder auf den Weg nach oben. Am Ausgang bekommen wir Ersatztickets für eine kostenfreie Weiterfahrt. Ganz unkonventionell, von träumen wir in Deutschland nur. Die nächste Haltestelle liegt wieder Richtung Park, der „Lärm“ unweit der City Hall ist nun deutlich lauter geworden. In einem mit Gittern zur Straße gesperrten Randbereich des Parks sammeln sich die mehr und mehr Menschen: Kamala Harris, nicht Basketball! Über Lautsprecher dröhnt Popmusik. Auf den Tischen liegen große, blaue Pappen mit „Harris–Walz“ und grüne Schilder mit Slogans verschiedener Gewerkschaften. Buttons, Aufkleber mit einer Harris, die nach altamerikanisch gemalter Plakatmanier ihre Muskeln spielen lässt – alles zum Mitnehmen. Please, take it. Hinter den Tischen ermutigen Frauen die Passanten, sich in die Wahllisten einzutragen, Schreibhilfen mit geklammerten Papieren werden behelfsmäßig auf den Absperrgittern abgestützt, um spontan zu signieren, werden mit Stift weitergereicht. Den sichtbar größten Teil der Menge stellen People of Colour.



Mikrotest. Check. Check. Welcome to the Ralley! Ähnlich einer Powermischung aus Popkonzert und Gospelgottesdienst fliegen die Worte zwischen den Rednern am Pult und dem Publikum hin und her. Prominenz wird mit lautem Jubel, hüpfenden wie geschwungenen Schildern, wild gewedeltem Klatschhändchengeklapper begrüßt. „We will…“ vorne vom Micro, „WIN!!!“ schallt die Menge. Wieder und wieder. Zu den Musikeinlagen nach kurzen Redebeiträgen wird mitgeschwungen, mitgesungen: Respect … just a little bit, Respect … This Girl ist on fire … Brothers and Sisters! We will fight. Es scheint als rufe man sich gegenseitig Mut zu. Ein weiterer Gangway ist reserviert für Passanten neben der Kundgebung, Ordner bewegen Reporter und Schaulustigen unermüdlich: Keep it open, please, keep it open. Let people pass by. In diesem cattle grid läuft ein Kontrahent in trumpbedruckter Kleidung laut schimpfend hin und her. „You are Haters, 2025 we will take the city back. We bring truth and love. You are the haters!“ Alle zehn Minuten taucht er wieder auf, mit neuen Parolen, neuen shouts provoziert er die Menge. Kaum eine der meist weiblichen Demonstrantinnen hat ein Auge für ihn. Dann durchbricht ein Mann das Gitter und droht. Es wird einen Moment laut. Ein Ordner asiatischer Herkunft fängt ihn sanft ein und sortiert ihn zurück hinter die Absperrung. Der Trumpist zieht meckernd weiter in seiner Umlaufbahn.

Neben mir steht eine ältere Frau, ein großes Plakat um den Hals. Ihre Augen lächeln mich an. 77 Jahre alt sei sie, nie wäre eine Wahl so wichtig gewesen. Sie ist begeistert zu hören, dass wir eine Reise nach Amerika angetreten haben, um in diesen Tagen vor Ort zu sein. Zur Inauguration von Obama damals wäre sie extra nach Washington gereist. Auch dort wären ihr people from Germany begegnet, die sich aus politischen Gründen in den Flieger gesetzt hätten. „We are moved by your participation. Our country is going through a difficult time.” Das Programm auf der Bühne scheint beendet, es wird leiser um uns. “Do you think the ralley is over? I thought Harris herself will come” sagt sie fast entäuscht. Dann kommt es wieder, das Glänzen in ihren Augen. “We should continue and dance”. Sie schwingt die Hüften. Viele Menschen bleiben. In Gruppen sprechen sie miteinander, am Rande, im Park, die Atmosphäre wirkt nun familiär, es scheint als kennten viele sich bereits aus der neighbourhood. Es gesellt sich eine weitere Frau zu uns, Lehrerin, Großmutter dreier Enkel. Man ist sich einig, daß der „flipflop-runnigmate“, der Wendehals Vance fast noch gefährlicher sei als Trump. Dass die Wahl immer noch so unentschieden sei, läge an der „Unzahl dementer Amerikaner“, die immer noch nicht begriffen hätten, worum es hier eigentlich ginge. Bei Einbruch der Dunkelheit steigen wir in die Subway. Daheim sitzt Vera müde am Küchentisch, sie hat die Stelle in der Bäckerei bekommen und muss gleich morgen wieder früh raus.
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