26. Oktober, noch 10 Tage bis zur Wahl
Dieter checkt morgens seine E-Mails. Immer noch keine Reaktion von den angeschriebenen Organisationen. Einerseits häufen sich die aufzuarbeitenden Eindrücke der letzten Tage. Andererseits kommt uns ein Tag ohne weitere Interviews und Begegnungen vor wie ein verlorener Tag. Die Zeit drängt. Dieter studiert die aktuellen Veranstaltungstermine der DSA Pittsburgh. Vielleicht sollten wir einfach hingehen, um vor Ort ins Gespräch zu kommen. Für Nachmittag ist eine Filmvorführung in der „Community Forge“ angekündigt, einer Schmiede für Gemeinschaft. Klingt vielversprechend.

Aber ein langer Weg, wir müssen unmittelbar aufbrechen, kein Einkauf, kein Lunch. Eine gute Stunde fährt uns der Bus mit unzähligen Stopps durch verschiedenste Vororte Pittsburghs. Zunächst werden die Häuser auf der Strecke immer kleiner, stehen gedrängter, wirken zum Teil heruntergekommen. Je höher sich der Bus in Serpentinen auf die Berge hinaufschraubt, desto großzügiger und wohlhabender aber wird die Bebauung. Weitläufige Grundstücke und Grünanlagen. Hier steht in fast jedem zweiten Vorgarten selbstbewusst eines der typischen blauen Wahlschilder. Harris/Walz. Manchmal sind die Wegestrecken sogar lückenlos.

Eine klassische Nadel der Jahrhundertwendebauten ragt in den blauen Himmel. Zitate gotischer Bauelemente vermitteln dem damaligen wirtschaftlichen Aufstieg fast religionsähnliche Züge.
Beim Aussteigen Orientieren wir uns an der zweiten Namenshälfte der angegebenen Station – offensichtlich falsch. Der Bus fährt weiter und lässt uns inmitten einer verlassen wirkenden Gegend zurück. Hier soll die angegebene Veranstaltung stattfinden? Ein Restkontingent mobiler Daten zeigt im Handy an, dass wir richtig sind. Rechts und links stehen verlassene Häuser.Was am Anfang nur skurril wirkt, entpuppt sich als dramatischer, ortsübergreifender Leerstand. In manchen der Straßen ist fast jedes zweite Haus verfallen, auf den Veranden stehen noch die Reste, die auf einstige Bewohner verweisen: verlassene Plastikstühle, verrostete Grill, abgebaute Satellitenschüsseln. Teils sind die Vordächer schon elegisch zusammengesackt, zerschlagene Scheiben, in den Vorgärten verrottet der Müll.

In diesem Viertel leben offensichtlich größtenteils Black People. Hier und da sitzen sie in Gruppen auf den Veranden zusammen, und verfolgen genau, was wir fotografieren. Grasschwaden liegen in der Luft. Manche grüßen lautstark über die Straße. „How are you doing, man?“ We are fine … Aber lieber nicht stehen bleiben, die Atmosphäre ist schwer zu greifen. Vor einem der noch bewohnten Häuser sitzen zwei Männer bei Hotdog und Bier auf der Veranda. Hier wird die uns zugerufene Frage schon konkreter: „Are you Investors?“ Auf diese dezente Provokation hin halten wir einen Moment inne. Beide erheben sich intuitiv von ihren Stühlen, kommen näher. Eine emotionale Unterhaltung beginnt. Leatherface, Mitte 50, mit leicht glasigem Blick, sichtlich angetrunken, ist hinsichtlich der Wahl deutlich pessimistischer als sein Freund. Zwar gingen diesmal mehr Leute wählen als je zuvor, aber ernsthaft: welchem der Politiker könne man denn heute noch trauen? None of them. Insbesondere nicht den Jungen, weil sie keine Achtung vor den älteren Menschen, selber kaum nennenswerte Lebenserfahrung haben. Um ein Land gut zu regieren, dafür müsse man den Vätern und den Großvätern zuhören. Lernen, was deren Herausforderungen einst waren und wie sie es gemeistert haben. Stattdessen herrsche heute Korruption, Arroganz und Geld. Warum die Häuser alle leer stehen? Die Menschen ziehen weg, sie sind alt, sterben, die Gegend wird zu teuer, die Häuser verkauft. Wahrscheinlich werden die meisten von ihnen abgerissen werden neue, wesentlich teurere gebaut. Alles am Ort der Kindheit, der Familiengeschichte ist dabei, sich massiv zu verändern. Unaufhaltsam. „Noch bleiben wir hier“ sagt der andere und deutet auf das Haus der gegenüberliegende Straßenseite. „Dort in dem Haus bin ich großgeworden. Seht ihr, aus dem Fenster schaut mein Vater. (Er winkt.) Sicher fragt er sich, mit wem wir hier sprechen (lacht). Ich konnte damals mein Haus hier erwerben, nur weil es auch schon eine gute Weile leer stand. Wie lange wir noch hierbleiben können, ist sehr fraglich“.

Wir fragen die beiden, was wohl passiert, wenn Trump die Wahl gewinnt. „There will be war, civil war“ platzt es heraus. „Trump hetzt die Weißen gegen uns Schwarze auf, und das, obwohl es jetzt schon sehr, sehr schwer für uns ist. „You have really no idea, how hard live is for us, for black people“.
Sie kommen auf uns zu sprechen, und wie es scheint, hat fast jeder, mit dem wir uns unterhalten, irgendeinen persönlichen Bezug zu Deutschland. Hier ist es eine Beziehungsgeschichte: Drei Jahre wären sie ein Paar gewesen, er und die Deutsche. Weder davor noch danach hätte er so eine Frau gehabt. Eine, die ihn gefragt hätte, was er braucht, gemacht hätte, was er sagt und mit der man jeden Tag Sex haben konnte. Sie seien heute noch gute Freunde. Das hast du mir nie erzählt, sagt Leatherface fast empört zu seinem Freund. Du hast ja auch nie gefragt, sagt dieser. Wir schmunzeln innerlich, tja, die Macho-Nachos im letzten Kiosk. Für das Abschiedsfoto werden schnell der Hotdog weggelegt und die Hände abgewischt. Bye bye, take care!
(Foto der beiden)
An der Ecke einer großen befahrenen Straße liegt ein Gebäude, früher offensichtlich eine Schule, heute die „Community Forge“. Über den Haupteingang betritt man einen großen Raum, vormals eine Art Aula. Die darüber liegenden Etagen, einst über Geländer offen mit dem Hauptraum verbunden, sind nun durch Verschalungen abgetrennt, was eine eigentümliche Raumwirkung erzeugt.

Im Halbdunkeln der Halle sitzt eine versprengte Gruppe auf zusammengerückten Sitzmodulen. Auf dem Screen läuft ein Horrorfilm, ähnlich dem legendären „Blairwitch Project “ von 1999. Ist das eines der Sozialprojekte der DSA? Wie auch immer, eine bemerkenswerte Konkurrenz zwischen Halloween und der laufenden Wahl.
When does the film end? 30 minutes? OK. Uns bleibt wenig Zeit etwas Essbares zu besorgen. Die Pizzeria um die Ecke erweist sich jedenfalls als Herausforderung. Statt einfach am Tresen zu bestellen, muss man hier im komplexen Menü eines kleinen Screens alle gewünschten Zutaten einzeln antippen und hinzufügen. Welchen Belag? Mit Käse, ohne Käse? Scharf, mittelscharf? Welche Größe? welche Saucen? Eventuell noch ein Getränk? Welches? Welche Größe? … Ein freundlicher Mitarbeiter hinter der Theke versucht, uns zu unterstützen, der digitalen Version Herr zu werden. Am Ende druckt der Apparat einen ausdifferenzierten penny-genauen Kassenbon der gewählten 14 Posten. Erst nachdem wir diesen an der Kasse beglichen haben, startet die Zubereitung. Die 30 Minuten sind fast um. Mit der Tüte in der Hand laufen wir zurück zur Forge und erwischen noch jemanden von der DSA auf dem Weg zu seinem Auto. Unser Ansprechpartner ist bereits weg, auch in Eile. Tomorrow I’ve to be at a conference in Washington. Nein, ein email von Dieter hätte er nie erhalten, no access to the account. Ein hohes Tier der Organisation sei er nicht, erläutert er entschuldigend. Die Freundin drängt, „sorry“ und schon sind sie weg.
Die Halle steht noch offen, eine Abendveranstaltung wird vorbereitet. Einer staubsaugt, Möbel werden zurückgeschoben. Scheinwerfercheck. Auf einem der Sofas sitzt ein junger Mann, offensichtlich einer der Protagonisten der kommenden Show, um den Hals eine rote Federboa.
Diemut: Kann ich dir eine Frage stellen, rein aus Neugier. Wir kommen aus Deutschland und sind interessiert an der Wahl in den USA. Was fühlst du diesbezüglich?
„Its a mess“
Diemut: Was wird deiner Meinung nach dem 5. November geschehen?
„Ich weiß es nicht. Ich hoffe, die Menschen wachen auf, um zu realisieren, dass dieses Zwei- Parteien-System überholt ist. Dass wir dringend ein neues Wahlsystem benötigen. Aber ich befürchte, das wird nicht passieren. Ignoranz herrscht auf beiden Seiten. Anstatt zusammen zu kommen driften sie immer mehr auseinander. Ich sehe keinerlei Vorteile in diesen Prozessen, keinerlei positive Entwicklung. Für gar keinen. Diese Wahl fühlt sich irgendwie irreal an. Es gibt eine seltsame Energie dahinter, die ist verstörend.“
Diemut: Ist diese Wahl anders als die vorherigen Wahlen?
„Ja, definitiv. Ich kann noch nicht ganz greifen, was jetzt vorgeht, aber sie ist wirklich sehr anders“.
Diemut: Und hier in Pittsburgh, in einem der wichtigeren Swing States: Nehmen die Leute, bewusst wahr, wie wichtig ihre Stimme für den Ausgang dieser Wahl ist? Gehen Sie bewusster wählen?
„Es gab große Werbeaktionen für Stimmen hier in Pittsburgh, in ganz Pennsylvania. Sogar Musk ist hier vorbeigekommen. Kamala war hier. Da wir einer der Swing States sind, ist es offensichtlich, wie sie versuchen, uns zu überzeugen. Die so richtig gelingt Ihnen das nicht, aber alle erzählen uns, was sie tun werden. Und das nur, um unsere Stimme zu gewinnen. Und es fühlt sich an wie: ‚Ja, wir nehmen war, dass Ihr hier zu uns kommt, aber wir glauben euch nicht. Wir wissen, warum ihr hier seid. Einfach nur, um zu gewinnen.‘
Das ist sehr verstörend. A weired energy. Und das für beide Seiten. Ich glaube, Amerika kommt zu einem Punkt, wo neue Generationen anfangen, wählen zu gehen. Ich glaube, wir beginnen zu realisieren, dass dieses Wahlsystem schon lange ein Auslaufmodell ist. Und wir müssen dringend etwas Neues entwickeln. So funktioniert es nicht mehr.“
Dieter: Was wäre eine bessere Lösung?
„Ich weiß es nicht, das ist eine gute Frage, und ich bin nicht sicher was die Antwort darauf ist. Ich denke einfach nur, dass beide Seiten korrumpiert sind und uns betäuben wollen. Sie wollen die Dinge nach ihren Interessen ausrichten, die Republikaner ebenso wie die Demokraten.
Es ist schwer, in dieser Gemengelage wählen zu gehen, aber ich werde wählen gehen.“
Diemut: Hast du bereits deine Stimme abgegeben oder wirst du an dem Wahltag selbst wählen gehen?
„Ich werde am fünften wählen. Ich gehe immer persönlich dorthin.“
Diemut: Wie wirst du danach die Wahl verfolgen, wirst du dich mit Freunden treffen oder vor dem Fernseher sitzen? Glaubst du, dass das Wahlergebnis recht bald sichtbar werden wird?
„Ich weiß nicht, angesichts der Angriffe auf Trump und ähnlichen Vorfällen ist diese eine wirklich andere Wahl. Ich hoffe, dass sie an dem Tag schon Ergebnisse präsentieren können und sie nicht zu weit hinausschieben. Die Amerikaner sind sehr aufbrausend und ich glaube, wenn sich die Ergebnisse verzögern .… Die Menschen warten, sie wollen die Entwicklungen umgehend in Tweet diskutieren … Diese Wahl mach alle im Land sehr ängstlich. (Wird von einem Mitarbeiter angesprochen) Sorry, ich muss jetzt los. Wir haben hier gleich eine Performance.
Wir: Klar, vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken und viel Erfolg heute Abend!
Auf dem Rückweg nehmen wir andere Busverbindungen, und brauchen nur halb so lang zum Appartment. Aber oft sind es gerade die Umwege, die Überraschendes mit sich bringen.
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